Archiv der Kategorie: BUCH

Lesenswerte Bücher

David Safier: Die Liebe sucht ein Zimmer

David Safier, der Schöpfer des TV-Erfolgs Berlin, Berlin, machte 2021 im Roman Mord in der Uckermark aus der scheidenden Bundeskanzlerin eine Kriminalfälle lösende Miss Merkel, die bereits in fünf Romanen als Detektivin tätig wurde und schrieb auch ansonsten allerlei amüsante Werke, wie Mieses Karma oder Jesus liebt mich.

Er kann aber auch anders und verfasste 2014 mit 28 Tage lang einen Roman über den Aufstand im Warschauer Ghetto. Anschließend wurde dem jüdisch stämmigen Autor immer wieder die Frage gestellt, ob er sich auch vorstellen könne, eine Holocaust-Komödie zu schreiben. Safier konnte sich dies nicht vorstellen, doch die Idee ging ihm nicht aus dem Kopf.

Bei den Recherchen zu 28 Tage lang hatte Safier von einer 1942 im Warschauer Ghetto geschriebenen und dort auch aufgeführten musikalischen Komödie namens Die Liebe sucht ein Zimmer erfahren. Ihm gelang es das die Erben des Autors Jerzy Jurandot zu finden und die Rechte am Stück zu erwerben.

Zuerst ist daraus ein Hörspiel für Radio Bremen entstanden und 2021 schrieb Safier zusammen mit dem Regisseur Rodrigo Cortés (Buried – Lebendig begraben, Red Lights) das Drehbuch zu dessen englisch-spanischer Co-Produktion Love Gets a Room / El amor en su lugar, in dem er Jurandots Theaterstück einarbeitete.

Der Film zeigt, wie Die Liebe sucht ein Zimmer in einem ehemaligen Kino im Warschauer Ghetto aufgeführt wird. Dabei wirft Cortés immer wieder einen Blick hinter die Kulissen, wo es dramatischer zugeht, als auf der Bühne. Die junge Schauspielerin Sara hat sich in ihren Kollegen Edmund verliebt. Zuvor war sie mit dem Intendanten und Regisseur Michal zusammen. Dieser spielt ebenfalls eine Rolle im Stück und eröffnet Sara während der Aufführung, dass er die Möglichkeit hat, zusammen mit ihr aus dem Ghetto zu fliehen…

Szene aus El amor en su lugar

Obwohl der Film in Spanien preisgekrönt wurde, war er bisher nicht in Deutschland zu sehen. Stattdessen verarbeitete Safier sein Drehbuch zu einem mitreißenden Roman, der 2025 erschienen ist. Er verdichtet die Handlung noch dadurch, dass er erzählt, wie Sara einer schrecklichen Zwangsehe entkam und beim Theater die große Liebe fand.

Szene aus El amor en su lugar

Die Eitelkeiten der Schauspielerinnen und Schauspieler stellt Safier sehr amüsant dar, und die Dreiecksgeschichte funktioniert nach allen Regeln der romantischen Komödie. Zugleich vermittelt sein Buch aber auch das im Ghetto herrschende Klima der Angst vor Deportation und Tod. Safier ist tatsächlich eine Komödie vor dem Hintergrund des Holocaust gelungen!

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GHIBLIVERSE: Ein inoffizieller Guide zu einer magischen Welt

Dies ist bereits das fünfte Buch, in dem sich die Briten Michael Leader und Jake Cunningham mit dem asiatischen Animationsfilm beschäftigen. Bei Panini wurden Die Anime-Bibliothek – Der ultimative Guide zum japanischen Animationsfilm und die Ghibliothek – Der inoffizielle Guide zu den Filmen von Studio Ghibli veröffentlicht.

In der bereits in der zweiten Auflage vorliegenden Ghibliothek beschreibt und analysiert das Duo alle Filme des Studio Ghibli von Das Schloss im Himmel bis Der Junge und der Reiher (sowie Hayao Miyazakis 1984er Pre-Ghibli-Blockbuster Nausicaä aus dem Tal der Winde).

In Ghibliverse widmen sich Leader und Cunningham widmen weiteren Aspekten rund um das Studio Ghibli. So beschreiben sie Filme wie Isao Takahatas Regiedebüt The Little Norse Prince von 1968 oder Miyazakis Lupin III: Das Schloss des Cagliostro von 1979, die lange vor der Gründung des Studio Ghibli entstanden sind.

Auch die TV-Serien Marco, Future Boy Conen, Anne mit den roten Haaren sowie Ronja Räubertochter und natürlich Heidi, an denen Miyazaki und Takahata beteiligt waren, werden gewürdigt. Außerdem geht es um Raritäten, wie Takahatas seltsamen Animations-Dokumentarfilm über die Kanäle in Yanagawa oder die nur im Ghibli Museum gezeigten Kurzfilme.

Hinzu kommen Artikel zum Komponisten Joe Hisaishi, den Ghibli-Themenpark, den Bühnenmusicals zu Chihiros Reise ins Zauberland und zu Mein Nachbar Totoro, den literarischen Vorlagen zu den Filmen, den Mangas von Hayao Miyazaki wie Shunas Reise, den Dokus zum Studio und Anime-Schöpfern wie Makoto Shinkai, die mit Werken wie Suzume dort weitermachen, wo Miyazaki jetzt möglicherweise tatsächlich aufgehört hat. Das Buch ist somit unverzichtbar für jeden, der mehr über das Studio Ghibli wissen möchte.        

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Alexander Braun: ICH, DAS TIER – Vom bösen Wolf bis Donald Duck

»Es ist verblüffend, wie wenig sich bislang die Literatur- oder Kunstgeschichte mit dem Motiv des vermenschlichten Tiers im Comic beschäftigt hat. Eine ganze Traditionslinie von Goethe über Jean de La Fontaine bis zurück zu Aesop in der Antike kennt die Literaturform der Fabel oder volkstümlichen Märchendichtung. Der Comic des 20. und 21. Jahrhunderts ist diesbezüglich die Quintessenz, ein gigantisches finales Feuerwerk.«

Es ist aber auch verblüffend, dass Alexander Braun, von dem dies Zitat stammt, bereits ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung von Black Comics einen weiteren voluminösen Katalog samt Ausstellung präsentiert. Diese erlebt diesmal ihre Premiere nicht im schauraum comic + cartoon in Dortmund, sondern wird zum zehnjährigen Jubiläum der GRIMMWELT in Kassel gezeigt.

Im Zentrum steht die Darstellung von vermenschlichten Tieren in Märchen und Comics. Diesem Thema widmet sich Braun in fünfzehn Kapiteln, die sich mit Themenkomplexen, aber auch mit einzelnen Künstlern beschäftigen. Zum Auftakt geht es um die im 19. Jahrhundert sehr populären Bilderbögen, die sehr oft auch Märchen in comicähnlicher Form nacherzählten.

Es folgt das Kapitel “Frankreich“, dessen Schwerpunkt Edmond-François Calvos großartig bebildertes, 1944 unter abenteuerlichen Bedingungen im von den Deutschen besetzten Land veröffentlichtes Buch “Die Bestie ist tot – Der Zweite Weltkrieg bei den Tieren“ bildet. Braun lobt zwar Calvos Artwork, hat aber einige Bedenken bezüglich der Erzählung von Viktor Dancette, die zwar das Ende des Weltkriegs prophezeite, aber nicht frei von gefährlichen Vereinfachungen ist. Bei komplexen historischen Themen gerät die Fabel an ihre Grenzen. Nicht alle Deutschen waren aggressive Wölfe und nicht alle Franzosen arme hilflose Kaninchen.     

Im nächsten Kapitel “USA“ beschäftigt sich Alexander Braun erneut mit der Geschichte der Zeitungscomics und lässt noch intensivere Betrachtungen zu George Herriman, den Schöpfer von Krazy Cat, und zu Gus Dirks folgen. Dieser war der deutschstämmige, sehr viel talentiertere Bruder von Rudolph Dirks, der mit seine Serie The Katzenjammer Kids große Erfolge feierte. Doch nicht minder populär waren die im Insektenreich angesiedelten Bildgeschichten von Gus Dirks, der 1902 – als seine Werke bereits landesweit veröffentlicht wurden – im Alter von nur 21 Jahren Selbstmord beging.

Natürlich darf in diesem Buch auch Walt Disney nicht fehlen und Braun liefert auf 24 Seiten eine opulent bebilderte Analyse von dessen frühen Zeichentrickfilmen. Nahezu denselben Umfang räumt Braun aber auch dem “Duckman“ Carl Barks ein. Über den Schöpfer von Onkel Dagobert und der Welt von Entenhausen zu schreiben ist für ihn “immer wieder aufs Neue ein ganz besonderes und sehr emotionales Vergnügen.“ Daher habe ich hier allerlei interessante Details und Abbildungen gefunden, die mir neu waren.

Zum Abschluss noch die zweite Hälfte des Buchs im Schnelldurchlauf: Hier geht es um die Cartoons und die zugehörigen Comicadaptionen von Warner Bros. (Looney Tunes) und Hanna-Barbera (Familie Feuerstein), Walt Kellys bei uns leider kaum bekannte Serie Pogo, den unglaublich populären Comic-Kater Garfield und seinen Schöpfer Jim Davis, Bryan Talbots Grandville, Fables von Bill Willingham und Mark Buckingham, um “Wölfe“ (Schwertpunkt: Disneys Drei kleine Schweinchen), Stehaufmännchen und Roy & Al von Ralf König, sowie um Josephine Marks fabelhaften Comic Trip mit Tropf.       

Ein märchenhaftes Buch!

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Niemals Nimmerland: Die Geschichte von Käpt’n Hook

Darüber was Captain Hook erlebte, bevor er auf Peter Pan traf, ist wenig bekannt. Sir James Matthew Barrie, der den Piratenkapitän 1904 in seinem Theaterstück Peter Pan; or, the Boy Who Wouldn’t Grow Up auftreten ließ, verriet, wenig mehr, als dass dieser die Universitäten in Eton und Oxford besuchte und Bootsmann beim berüchtigten Piraten Blackbeard war.

Diesen gab es tatsächlich und er ist angeblich mit brennendem Bart in die Schlacht gezogen. Dass J. M. Barrie Hook seinen Vornamen James gab, beweist, dass er eine gewisse Sympathie für Peter Pans Nemesis empfand.

Etwas mehr Details zu Hook sind jetzt in einem Roman von Serena Valentino zu finden. Diese verfasste die zwölfteilige Bestseller-Reihe Disney Villains, in der sie davon erzählt, wie es dazu kam, dass die modebegeisterte Cruella, der Jäger Gaston oder die Stiefmütter von Schneewittchen, Aschenputtel und Rapunzel auf die dunkle Seite der Macht wechselten.

Bei Serena Valentino stammt der spätere Captain Hook aus einer verarmten Adelsfamilie und ist bereits seit frühster Jugend begeistert von Piraten. Als er aus seinem Kinderwagen fällt, wird er ohnmächtig und landet er bei den Wilden Jungs im Nimmerland.

Doch im Gegensatz zu Peter Pan, der in dieser Traumwelt für ewige Jungs heimisch wurde, muss Hook in die ihn langweilende Realität zurückkehren. Seine Mutter hat ihn rechtzeitig wiederbelebt und erwartet von ihm, dass er eine reiche Erbin heiratet. Doch Hook flüchtet in die Piraterie und sein treuer Butler Smee begleitet ihn dabei.

Im neunten Roman ihrer Reihe Disney Villans spinnt Serena Valentino zunächst ein munteres Seemannsgarn, das in seinen besten Momenten an die ersten Fluch der Karibik Filme denken lässt. Da Valentinos Romane jedoch zusammenhängen, tauchen auch in diesem Buch als Katalysatorinnen des Bösen  die “verdrehten Hexenschwestern“ Lucinda, Ruby und Martha auf.

Dies bremst zwar etwas den Lesefluss, macht zugleich aber auch neugierig darauf, wie solide die Autorin jene Welt konstruiert hat, in der sich die Disney-Märchen in direkter Nachbarschaft abgespielt haben.

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50 Jahre YPS: Das Buch. Ohne Gimmick.

Am 4. September 2025 wurde – drei Jahre nach der letzten Ausgabe – das 1284. YPS-Heft veröffentlicht. Diesem liegt eine Dartscheibe mit Magnetpfeilen bei, die als “Entscheidungsfinder“ dienen soll. Doch der schönste Gimmick zum Jubiläum ist der gleichzeitig erscheinende 178-seitige Hardcoverband 50 Jahre YPS, auf dessen Cover zu lesen ist, dass es sich um ein Buch “ohne Gimmick“ handelt.

Neben fundierten Sachtexten von Volker Hamann (Reddition) sind auf 145 Seiten gut ausgewählte Comics enthalten, die aus den klassischen 1253 YPS-Heften stammen, die sich in 25 Jahren wöchentlich bis zu 600.000.fach verkauft haben.

Der Comicreigen beginnt mit Die Nebel-Bande, einem 7-seitigen Abenteuer des YPS-Fernseh-Teams Yinni + Yan. Es folgt mit Chinook, das komplette 46-seitige ersten Abenteuer von Deribs Western-Reihe Buddy Longway. Die ersten vier Alben diese Serie erlebten ihre deutsche Premiere in YPS.

Ohne jede Prüderie (aber auch ohne jeglichen Voyeurismus) lässt Derib den Leser daran teilhaben, wie der Trapper Buddy und die Indianerin Chinook erstmals miteinander schlafen. Wir sind dabei, wenn ihr Sohn Jeremiah auf die Welt kommt, heranwächst und mit seinem Vater auf die Jagd geht.

Mit Vom Blitz getroffen, Ampelärger, Wer sich eine Grube gräbt… folgen drei dreiseitige Comics mit dem Känguru YPS, der Maus Kaspar, dem Frosch Patsch und dem Papagei Willy. Weiter geht es mit vier Onepagern der köstlichen Funny-Serie Robin Ausdemwald von Bob de Groot und dem Zeichner Turk (Philippe Liégeois).

Natürlich ist auch eine Geschichte mit dem Hündchen Pif enthalten. Diese Figur war auch der Titelheld der französische YPS-Vorlage Pif Gadget. Ebenfalls vom Autor Bob de Groot stammt die Reike Percy Pickwick, von der in diesem Band das komplette 32-seitige Album Unter falschem Verdacht enthalten ist.  

Alle Abbildungen ©2025 Egmont Verlagsgesellschaften 

Hinzu kommen noch interessante Comics wie Ben’s Bande, Mister Melone, Wangaroo das Dschungelkind oder Captain York, die eigens für YPS produziert wurden.

Es ist ein wenig schade, dass versäumt wurde, jene in Volker Hamanns Texte erwähnte von Giorgio Cavazzano gezeichnete fünfseitige Comicstory aus YPS 738 abzudrucken, in der Pif das gallische Dorf von Asterix besucht. Doch ein schönerer Gimmick zum 50. Geburtstag von YPS als dieser Hardcoverband ist kaum vorstellbar!    

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Hans Reiser: Loamsiada, Doagaff, Siasskasa – Bairische Schimpfnamen

“Ned gschimpft is globt gnua – dieses urbairische Statement zeigt uns deutlich die Zurückhaltung des Bayern bei der positiven Bewertung seiner Mitbürger.“ Dies schreibt Hans Reiser im Vorwort zu seinem Buch, für das er 90 kernige Ausdrücke, wie Wadlbeissa, Bauernbiffa oder Rauschkugel zusammengetragen hat, die negative Charaktereigenschaften in mehr oder weniger blumige Beschimpfungen verwandelt haben.

Doch damit nicht genug, Reiser bemüht sich zudem noch die vom Dialekt geprägten Schimpfnamen anderen Volksgruppen näher zu bringen. Dies geschieht zum einen durch die sprachliche Herleitung. So kommt “Hampara“ vom “herumhampeln und zappeln“ und der Beschimpfte ist somit ein “liederlicher Nichtsnutz, ein Lalle, ein Kasper.“ Doch so richtig deutlich wird das Wesen des Hamparas erst durch Hans Reisers zugehörige Illustration, die mit dem Begriff “Karikatur“ nur sehr unzureichend beschrieben ist.

Vielmehr handelt es sich dabei um eine filigran auf die Leinwand gebrachte Kollage aus verrückten Ideen, die das Wesen des Beschimpften verdeutlichen. Reisers wild herumhüpfender Hampara hat vor der Brust einem Bauchladen auf dem ein Schimpanse der mit Topfdeckeln lärmt, in der einen Hand wedelt er mit einer Bimmel und mit der anderen zieht er an einen Hampelmann mit Schellen an der Narrenkappe.

Hans Reisers “Giftnudel“ hat Schlangen im Haar wie Medusa und würzt ihre Spaghetti mit Mordzarella. Sein “damischer Depp“ hat nicht nur ein Brett vor dem Kopf, sondern auch noch einen Hammer in der Hand, um das Holzstück mit einem Nagel endgültig an seiner Stirn zu befestigen. Sein “Wouhou“ (der Begriff ist die lautmalerische Nachahmung des oberpfälzer Dialekts) ist ein Waldschrat mit Wolpertinger auf der Schulter, während Reisers “gesenkte Sau“ im wahrsten Sinne des Wortes Feuer im Hintern hat und sein Motorrad ein Gerippe ist.

Optimal ergänzt wird dieser süchtig machend Schimpfreigen durch ein zweites Vorwort von Hans Reisers Sohn Jan. Dieser ist als amtierender Zeichner der Werbeikone Lurchi quasi im Schuhgeschäft tätig und zeichnet Comics. Er weist darauf hin, dass dort Schimpfwörter traditionell als Piktogramme mit Emojis wie Totenköpfen oder Explosionen dargestellt werden. Er liefert ein schönes Beispiel wie die Bayerische Schimpftirade „Kreiz, Birnbaam und Hollerstaud’n“ in Piktogramm-Form in eine Sprechblase gepackt werden kann.

Nicht minder interessant ist Jan Reisers Insiderinformation, dass es sich bei seiner Familie um “friedensbewegte, Müsli essende, selbstgestrickte Post-Hippies“ handelt und sein Vater allenfalls fluchte, wenn “er sich beim Montieren der Surfbretter auf dem Dachträger wieder einmal denn Schädel angeschlagen hatte.“ Umso erstaunlich ist es, wie gut ihm seine Schmähporträts von nervige Mitmenschen gelungen sind.

Das Buch ist direkt zu beziehen über: kontakt@reiserhans.de

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Stephen King: Kein Zurück

Stephen King ließ Holly Gibney erstmals 2014 in Mr. Mercedes auftreten. Mit Finderlohn und Mind Control schrieb er zwei weitere Romane mit Holly und auch in seinen Buch The Outsider spielte die nur scheinbar unscheinbare Ermittlerin eine wichtige Rolle. Danach stand Holly in Kings Novellen-Sammlung Blutige Nachrichten im Zentrum der Titelgeschichte. Die (bisherige) Krönung von Hollys “literarischer Karriere“ war 2023 ein nach ihr benannter Roman.

In Kein Zurück wird Holly mit gleich zwei Menschen konfrontiert, die voneinander unabhängig über Leichen gehen. Die Motivation des ersten Killers mutet etwas konstruiert an, denn er begeht wahllos Morde und hinterlässt bei seinen Opfern kleine Zettelchen mit den Namen von Geschworenen, die einen Mann zu Unrecht verurteilt haben, der kurz darauf im Gefängnis starb. Holly will eigentlich ihrer Freundin, der Polizistin Izzy Jaynes, bei der Aufklärung dieses verzwickten Falles helfen, der immer weitere Morde nach sich zieht.

Doch zugleich ist sie in einer ihr eher weniger liegende Disziplin tätig. Holly übernimmt den Job der Leibwächterin von Kate McKay. Diese hochmotivierte und charismatische Frau zieht durch die USA, um in großen Sälen wortgewaltig für das Recht auf Abtreibung einzutreten. Diese Veranstaltungen ziehen nicht nur die Fans der Feministin an, sondern auch fanatische Abtreibungsgegner, die oft religiös motiviert sind. 

Besonders gefährlich ist ein junger Mann, der von seiner “christlichen“ Gemeinde so fanatisiert wurde, dass er alles dransetzt, um Kate McKay zu töten. Das tragische Schicksal dieses Täters, der zugleich Opfer ist, beschreibt King nicht ohne Mitgefühl. Zwar sind die Motive der beiden Killer sehr unterschiedlich, doch beide stehen im Geiste ständig im Dialog mit ihren verstorbenen Vätern und auch Holly sieht sich immer wieder gezwungen, ihr Handeln vor ihrer schon lange nicht mehr lebenden Mutter zu rechtfertigen.

Doch das sind auch schon die einzigen leicht übersinnlichen Elemente in diesem ansonsten eher dem Bereich des Thrillers als des Horrors zuzuordnenden Roman. Stephen King verbreitet jedoch nicht nur Hochspannung, sondern er verweilt auch gerne bei den aus den Holly-Romanen bekannten “Nebendarstellern“, den Geschwistern Barbara und Jerome, die beide Karriere als Autoren machen. Doch Barbara geht ein wenig fremd, denn die Soul-Sängerin Sista Bessie hat aus einem ihrer Gedichte einen Song gemacht und die junge Frau als Sängerin für ihre Comeback-Tournee verpflichtet. Nach 600 Seiten laufen alle diese Handlungsfäden zusammen und münden in ein wirklich großes Finale.

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Walt Disney: Children’s Classics

Richard Schickel verfasste 1968, kurz nach dem Tod von Walt Disney, eine nicht eben positive Beschreibung der Welt, die der globale Märchenonkel der Menschheit hinterlassen hatte:

Schickel schrieb Disney habe „jedem Menschen, der in Amerika heranwächst, gleichsam einen Mickey-Maus-Hut aufsetzt. Unter kapitalistischen Vorzeichen betrachtet ist sie ein wahres Wunderwerk, in kultureller Hinsicht hingegen im Wesentlichen ein Grauen.“

Schickel geht in seinem Buch Disneys Welt nicht nur auf die Filme ein, sondern er zitiert auch die ehemalige Bibliothekarin der New Yorker Stadtbibliothek Frances Clarke Sayers, die Disney der “Verunglimpfung der traditionellen Kinderliteratur“ beschuldigt.

Ihrer Meinung nach, hatte Disney kaum Achtung vor den Originalautoren. Er “vulgarisierte alles nach seinem Belieben“ und “publizierte diese verstümmelten Geschichten auch noch in Buchform.“

Dass dies nicht immer so war, dokumentiert ein schön aufgemachtes Buch des Taschen Verlags. Es enthält kunstvolle Bilderbuchadationen von zehn Frühwerken aus dem Hause Disney, die in den Vierzigern und Fünfzigern als Little Golden Books veröffentlicht wurden. Diese wurden für 25 Cents im Format 17 x 8 cm angeboten. Diese Büchlein hatten anfangs einen Umfang von 42 Seiten und von denen nur 14 Seiten in Farbe gedruckt wurden.

Auch heute erscheinen weiterhin regelmäßig Little Golden Books, etwa zur Disney-Realverfilmung von Schneewittchen oder zum TV-Hit Wednesday. Diese werden jetzt komplett in Farbe produziert, haben aber nur noch einen Umfang von 24 Seiten.

Es wurden hierfür nicht einfach Standbilder aus den Zeichentrickklassikern verwendet, sondern KünstlerInnen wie Cambbell Grant, Retta Scott Worchester oder die legendäre Mary Blair, die zuvor bereits bei Disney animiert oder Hintergrundgemälde erschaffen hatten, präsentierten ihre individuell ausgearbeiteten Versionen von Kinoklassikern.

Mein persönlicher Favorit ist die Adaption des Cartoons Peter und der Wolf von 1946, die der ehemalige Disney Art Director Dick Kelsey in beeindruckenden Bildern zu Papier gebracht hatte. Doch auch die ebenfalls in diesem Buch abgedruckten Golden Books zu Schneewittchen und die sieben Zwerge, Pinocchio, Dumbo, Bambi, Es war einmal im Winter, Die Abenteuer von Mr. Toad, Cinderella, Alice im Wunderland und Peter Pan können sich sehen lassen. Am Golden Book und am Disneyfilm Peter Pan arbeiteten Al Dempster und John Hench 1953 sogar zeitgleich!

Walt Disney’s Children’s Classics wurde in englischer Sprache veröffentlicht. Der Buch überzeugt auch durch opulent illustrierte Hintergrundinformationen zu den Filmen und den KünstlerInnen.

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Völlig schwerelos: Glanz und Elend der deutschsprachigen Popmusik

Zunächst hielt ich dieses wunderbare Taschenbuch für eine Ansammlung von launigen Texten zu 99 entweder besonders bedeutenden oder besonders peinlichen deutschsprachigen Popsongs, die – von Freddys Heimweh bis hin zu Du trägst keine Liebe in Dir von Echt –  in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts entstanden sind.

Bedenken darüber, dass Cheri, Ceri Lady von Modern Talking Aufnahme in diesen Kanon aufgenommen wurde, zerstreut der wortgewaltige österreichische Musikjournalist Wolfgang Zechner mit: “Wer glaubt, dass das (was da gesungen wird) Englisch ist, glaubt auch, dass Dieter Bohlen über das kompositorische Können von Brian Wilson verfügt.“

Zechner verfügt über die Fähigkeit im Schrecklichen auch das Schöne zu sehen und lobt Modern Talking dafür, dass das Duo “das Formelhafte des deutschen Schlagers notdürftig ins Englische übersetzt haben und die so entstandene Notdurft zu Gold verwandelt“ hat.

Sehr gut gefiel mir auch die Passage, in der Zechner beschreibt, wie Peter Alexander 1979 in der ZDF-Hitparade seinen Grubenunglücks-Song Schwarzes Gold mit der “schmierigen Perfektion des Ausnahmekünstlers“ ebenso “abstoßend wie bewundernswert“ performte.

Doch das Buch präsentiert nicht nur abschreckende Beispiele, wie das 1996 entstandene kitschige Lied An einem Morgen im April der Kastelruther Spatzen über den Reaktorunfall in Tschernobyl.

Kastel verleiht auch seiner Begeisterung über den erst fünfzehnjährige Ozan Ata Canani Ausdruck, der 1978 aus den “widersprüchlichen Gefühlen von Fremdheit, Ausgrenzung, Enttäuschung und Hoffnung“ der sogenannten “Gastarbeiter“ den “funktionierenden Popsong“ Deutsche Freunde machte.       

Doch Völlig schwerelos ist sehr viel mehr als pointiert zu Papier gebrachtes Nerdwissen. Mit spürbarerer Begeisterung erzählt Zechner davon, wie deutschsprachige Songs nach “müden Schlager-Missverständnissen, experimentellem Krautrockwahnsinn, fremdartiger Punk-Eigenständigkeit, hochnotpeinlichem Blödel-Bardentum oder knödelnder Deutschrockverkrampfung“ zum integralen Bestandteil der internationalen Popmusik wurden. Nicht ohne Wehmut stellt Zechner fest, dass er ein wenig der “wunderlichen deutschen Vergangenheit“ nachtrauert und für mehrheitsfähige deutsche Popmusik “keine Liebe in sich trägt.“

PS: Ein persönliches Highlight ist für mich der Text zu Der Biker, einem Song, den Reinhard Mey 1998 veröffentlichte. Wolfgang Zechner erzählt davon, wie sich der eher unpolitische Liedermacher Mey in den Sechzigern auf den Burg-Waldeck-Festivals immer stärker von seinen linksradikalen Kollegen ausgegrenzt fühlte und sich aus Rache 1973 in einem Spottlied über die emanzipierte Lebensführung der “ungeheuer progressiven“ Annabelle, ach Annabelle lustig machte. Doch im Countrysong Der Biker singt Mey über eine Wiederbegegnung im Rahmen einer Nahtoterfahrung mit der “herrlich unkonventionellen“ Annabelle und wie er sich bei ihr entschuldigt:

Annabelle, diesmal machen wir zwei es richtig,
Witzigkeit ist diesmal nicht so furchtbar wichtig
Kleinliche Polemik, sinnloses Gestreite
Eigentlich standen wir beide auf derselben Seite

Zechner schreibt dazu: „Man hört, staunt und traut seinen Ohren nicht. Ein 56 Jahre alter Mann bekennt, dass er einst auf der falschen Seite der Geschichte stand.“ Sehr viele ähnlich interessante Musikperlen sind in Völlig Schwerelos zu finden.

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Filmjahr 2024/2025

Diesmal schaffte es ein Motiv aus dem französischen Film Zwischen uns das Leben von Stéphane Brizé aufs Titelbild, des seit 2002 alljährlich beim Schüren Verlag veröffentlichten lexikalisch geordneten Rückblick zum vergangenen Filmjahr. Kernstück sind Kurzbesprechungen zu allen Filmen, die 2024 in deutschen Kinos gezeigten wurden. Hinzu kommen ausgewählte TV-Produktionen, wie etwa alle Beiträge zu den Tatort– und Polizeiruf 110-Reihen.

Doch das ist auch diesmal längst nicht alles, denn erst auf Seite 209 beginnt der alphabethische geordnete Teil des Buchs. Zuvor wird ein abwechslungsreiches Menü serviert, bestehend aus Kurztexten, Rückblicken und ausführlichen Rezensionen zu bemerkenswerten Filmen wie The Zone of Interest, Poor Things, Der Junge und der Reiher, Morgen ist auch noch ein Tag oder auch Furiosa: A Mad Max Saga, die 2024 ins Kino oder zu sehenswerten Serien, die auf die heimischen Bildschirme kamen.

Besonders interessant, weil alles andere als unkritisch sind die Porträts zu herausragenden Kino-Persönlichkeiten wie Marlon Brando, Margaret Qualley, Kevin Coster, Sofia Coppola oder dem mittlerweile achtzigjährigen George Lucas, sowie die Nachrufe auf Maggie Smith, James Earl Jones oder Donald Sutherland.

Bemerkenswert ist auch der Artikel Die Welt als Scheibe, der sich mit dem “Überleben von DVD/Blu-ray im Streaming-Zeitalter“ beschäftigt und bereits das im hinteren Teil des Buchs enthaltene Kapitel über “Das Silberling-Jahr 2024“ einläutet. Fazit des Textes ist, dass Anbieter, die in gute Heimkino-Veröffentlichungen investieren “nach wie vor beträchtliche Verkaufszahlen generieren und Fans und Sammler glücklich machen“ können.

Bei den Kurzrezis habe ich mich ein wenig darüber geärgert, dass Miss Merkel – Mord auf dem Friedhof mit der göttlichen Katharina Thalbach als „ärgerlich, anstössig, eine Zumutung“abgewatscht wurde und sehr gefreut, dass hier zu erfahren ist, dass Kevin Smith mit dem nostalgischen The 4:30 Movie endlich wieder ein rundum erfreulicher Film gelang. Wollen wir hoffen, dass uns diese bemerkenswerte Reihe noch viele Filmjahre lang erhalten bleibt.

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