Neufred: Deus AIX Machina

Alfred Neuwald (Die Weltenbummler, Stups der kleine Schwertwal) alias Neufred fühlte sich in Aachen so wohl, dass er auch nach seinem Abschluss an der dortigen Fachhochschule für Design nicht in seine Heimatstadt Hamburg zurückgekehrt ist. Er hat für Aachen mit Karl der Kleine sogar ein fast schon nicht mehr inoffizielles Maskottchen geschaffen. Dieser tauchte zunächst in Comicstrips auf, die häufig seine Sucht nach Printen thematisierten.

Der kleine Monarch reiste aber auch in Comicalben durch die Geschichte der Kaiserstadt. Dabei traf er Napoleon, bekämpfte die Printe des Teufels und hatte eine sogar eine Begegnung mit seinem Namenspatron Karl der Große. Doch auch das Hier und Heute ist dem kleinen Karl nicht fremd. Er scheute auch die Klimahölle nicht und wurde in Neufreds letztem Album Doppelt Gemoppelt per KI in großer Anzahlt vervielfältig. Dies führte in Aachen zu einer Printen-Knappheit, die den einzig wahren Karl ärgerte, während sich Professor Holger Hoos über den Comic sehr freute.

Der Leiter des Lehrstuhls für Methodik der Künstlichen Intelligenz an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen erstand auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt direkt vom Erzeuger das Karl-der-Kleine-Gesamtwerk. Er war so begeistert, dass er es Neufred ermöglichte, sich als Artist in Residence am Aachener Lehrstuhl für Methodik der Künstlichen Intelligenz umzuschauen und inspirieren zu lassen.

Obwohl es auch genügt hätte, wenn einige Illustrationen oder Karikaturen entstanden wären, beschloss Neufred (ohne Einsatz von KI) eine Graphic Novel zu zeichnen, Er veröffentlichte das 100-seitige Buch in seinem Granus Verlag, der auch die Comics mit Karl der Kleine veröffentlicht. Inspiration für Deus AIX Machina fand Neufred bei Comicreportagen von Guy Delisle wie Pjöngjang oder Shenzhen.

Er drängte sich „wissbegierig auch in Konferenzen und Meetings“ auf, bei denen das Forschungsteam mit aufgeklappten Laptops den Saal betrat. Er absolvierte den Turing-Test, indem er zwei sehr kleine aber äußerst starke Magneten mit bloßen Händen trennte und unterhielt sich mit den Forschenden. Dabei stellt Neufred fest, dass es sich bei diesen häufig um KI-Skeptiker handelt.

So verglich etwa Roman die Weiterentwickelung der KI zwar mit der Evolution (und sich selbst mit Darwin), wäre jedoch nie auf die Idee gekommen, Künstliche Intelligenz für das Entwickeln von Algorithmen zu verwenden. Roman weigert sich „das herkömmliche Programmieren abzugeben“, da dieses für ihn „Ingenieurskunst“ ist. Justin, der privat in einer Metal-Band singt, möchte mit KI-generierter Musik nichts zu tun haben, da Fake-Songs auf Spotify und anderen Plattformen seiner Band immer mehr „das Wasser abgraben“. Als Comiczeichner kennt Neufred dieses Problem natürlich auch.

Interessant sind im Comic auch die Beispiele, die die Schwierigkeiten im Umgang mit der KI illustrieren. So wird deren häufig nach hinten losgehendes Bemühen darum, die Wünsche der User überzuerfüllen als “Kobra-Effekt“ bezeichnet. Dieser Begriff stammt aus der Kolonialzeit, als in Indien eine Schlangenplage herrschte und die Engländer eine Prämie für jede erlegte Kobra auszahlten. Dies führte dazu, dass viele Inder Kobras züchteten, um möglichst häufig Prämien zu kassieren.

Die bei der KI drohenden “Kobra-Effekte“ können amüsant sein, etwa wenn ein Staubsaugerroboter nach dem Saugen den Staub zurück in den Raum bläst, um seine Aufgabe weiterhin erfüllen zu können. Doch es ist auch mit dem Schlimmstenzu rechnen, wenn z. B. “ein Raketenprogramm die eigene Basis beschießt, um den Krieg zu beenden.“ Also, Augen auf beim Definieren der Hyperparameter!

In Neufreds Comic ist zu spüren, dass die KI am Lehrstuhl zwar mit kritischer Distanz erforscht und weiterentwickelt wird, doch dabei insgesamt sehr viel Optimismus herrscht. So ist Prof. Hoos davon überzeugt, dass die rasant voranschreitende Künstliche Intelligenz „genau im richtigen Moment aufgetaucht“ ist, denn: „In Zukunft wird ein kleiner arbeitender Anteil der Bevölkerung sehr viele Ruheständler finanzieren müssen. Die KI wird ihnen diese Arbeit sehr erleichtern.“ Es wäre schön, wenn sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ebenfalls in diese Richtung weiterentwickeln würden.

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Der unglaubliche Hulk – Die 3 TV-Filme

1982 wurde die Serie Der unglaubliche Hulk nach einer Laufzeit von fünf Jahre und plötzlich mitten in der fünften Staffel eingestellt. Ebenso überraschend ging es ab 1988 weiter mit drei TV-Filmen, die im Jahrestakt ausgestrahlt wurden und teilweise etwas andere Wege beschritten.

Das Besondere an der von Kenneth Johnson (V – Die Außerirdischen kommen, Alien Nation) produzierten Serie war, dass diese sich nicht in erster Linie an Marvel-Fans richtete, sondern an ein größeres Publikum. Wöchentlich war zu erleben, wie der von Bill Bixby gespielte Dr. David Banner durch die USA pilgerte, um eine Lösung zu finden, damit er sich nicht bei jedem Wutausbruch in ein grünes, vom Bodybuilder Lou Ferrigno gespieltes Monster verwandelt.

Johnson ließ in der Serie keine weiteren Marvel-Superhelden auftauchten. Dies sah bei den drei ohne Johnsons Beteiligung entstandenen TV-Filmen etwas anders aus. Bereits in Die Rückkehr des unglaublichen Hulk spielte Thor eine wichtige Rolle und Eric Allan Kramer war – 23 Jahre von Chris Hemsworth – der erste Darsteller, der den Donnergott spielte.

Ihm zu Seite steht ein gewisser Donald Blake, der ein ehemaliger Student von David Banner ist und auf einer Bergtour in einer Höhle einen Hammer gefunden hat. Mit diesem kann er Thor herbeirufen. In den Marvel Comics ist Donald Blake als gehbehinderter Arzt das menschliche Alter Ego von Thor und kann sich in diesen verwandeln. Im TV-Film hingegen agiert Blake zusammen mit Thor, der den deutlich größeren Hulk seltsamerweise als “Zwerg“ bezeichnet.

Noch etwas weiter in Richtung Marvel Cinematic Universe ging es 1989 in Der unglaubliche Hulk vor Gericht. Hier war nicht nur Rex Smith als der sich in Daredevil verwandelnde Anwalt Matt Murdock dabei, sondern auch dessen von John Rhys-Davies (Flash Gordon, Der Herr der Ringe) verkörperter Gegenspieler, der Gangsterboss Wilson Fisk. Im Gegensatz zu den Comics nannte ihn jedoch niemand Kingpin.

Bemerkenswert ist auch, dass Marvel-Mastermind Stan Lee in Der unglaubliche Hulk vor Gericht seinen ersten Gastauftritt in einem Marvel-Film absolvierte. In einer Traumsequenz, in der sich David Banner vor Gericht in den Hulk verwandelt, ist Stan Lee kurz als wortloser Sprecher der Geschworenen zu sehen.

Der zweite TV-Film ist der beste der Trilogie, auch wenn das Ziel nicht erreicht wurde, dadurch eine Serie mit Rex Smith als Matt Murdock/Daredevil anzukurbeln. Der Tod des unglaublichen Hulk ist der schwächste Film der Reihe, wobei der Titel Programm ist und David Banner am Ende einer langweiligen Krimihandlung tatsächlich stirbt.

Dies hielt die Produzenten natürlich nicht davon ab, einen weiteren TV-Film zu planen. Neben Banners Auferstehung sollte es Gastauftritte von Iron Man und She-Hulk geben. Doch die mäßige Zuschauerresonanz bei Der Tod des unglaublichen Hulk und vor allem der Gesundheitszustand von Bill Bixby, der die letzten beiden TV-Filme inszeniert hatte, verhinderten eine Fortsetzung. Bixby starb 1993 an Prostatakrebs und der sympathische Darsteller wird für immer der Dr. Banner der Herzen sein.

Bei Filmjuwelen erscheinen die drei Filme erstmals auf Blu-ray, wobei die Bildqualität nicht immer berauschend ist. Das Bonusmaterial kann sich jedoch sehen lassen. So gibt es mit “Marvelous World of Stan Lee“ (24:10 min) eine Quasselorgie, in der “Stan The Man“ schlüssig erklärt, warum seine Marvel-Comics immer besser als die Hefte der Konkurrenz waren. Zu Lou Ferringo gibt es ein kompaktes aufschlussreiches Interview (15:84 min) und den 84-minütigen Film Stand Tall über die Karriere und Lebensphilosophie des Muskelmanns.

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We Bury the Dead

Titel und Cover verheißen einen weiteren Zombiefilm. Doch zum Glück hat der australische Regisseur Zak Hilditch etwas mehr im Angebot und erzählt von einer neuen US-Massenvernichtungswaffe, die versehentlich vor der Küste Tasmaniens explodiert.

Auf der zu Australien gehörenden Insel sterben mehr als eine halbe Million Menschen und nicht wenige davon kehren aus dem Reich der Toten zurück. Manche haben etwas Konkretes zu erledigen, wie ihre Angehörigen zu begraben. Die Meisten jedoch attackieren die im Bergungsteams tätigen Freiwilligen.

Dazu gehört auch die US-Amerikanerin Ava, deren Ehemann Mitch zum Zeitpunkt der Explosion an einem Kongress in einem tasmanischen Luxushotel teilgenommen hat. Da Ava und Mitch vor dessen Abreise  heftig gestritten hatten, versucht sie verzweifelt ihren Mann zu finden.    

Nachdem sie als Rey in Star Wars: Das Erwachen der Macht zu sehen war, hat Daisy Ridley in vielen interessanten Filmen mitgespielt. Sie gehörte zur Starbesetzung von Kenneth Branaghs Mord im Orientexpress, brillierte aber auch im Indie-Hit Daydreams, sowie in Die junge Frau und das Meer als Gertrude Ederle, die erste Frau, die den Ärmelkanal durchschwamm. Dass sie auch Action kann, bewies Ridley als schwindelfreie Fensterputzerin in Martin Campbells unterschätzen Cleaner.

Als stille aber starke Ava überzeugt sie in We Bury the Dead. Der Film überrascht dadurch, dass Zak Hilditch zunächst mit großem Aufwand die Bergungsarbeiten in der Stadt Devonport zeigt und dann in Richtung hochspannendes Kammerspiel wechselt. Für Ava gibt es dabei einige böse Überraschungen und das Ende ist ebenso konsequent wie großartig.

Die Blu-ray von Capelight zu „We Bury the Dead“  kommt ohne Extras aus, doch es gibt auch ein limitiertes Mediabook mit dem Film (in 4K Ultra und auf Blu-ray, sowie mit einem 24-seitigen Booklet mit einem Text von Adrian Gmelch.

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Elvira: Mistress of the Dark

Cassandra Peterson arbeite in den Siebzigern als Tänzerin in Nachtclubs und Discotheken. Sie trat auch in Las Vegas auf und spielte eine sehr kleine Rolle im James-Bond-Film Diamantenfieber. Ihre Karriere hob richtig ab, als sie im September 1981 erstmals im US-Fernsehen die Sendung Movie Macabre moderierte.

Gezwängt in ein enges schwarzes Kleid und mit ebenfalls schwarzer Perücke präsentierte die eigentlich rothaarige Cassandra als “Elvira“ Horrorfilme wie Das Dorf der Verdammten, Dr. Jekyll und Sister Hyde, Augen der Angst oder Roman Polanskis Tanz der Vampire. Dadurch wurde sie so populär, dass 1988 ein Elvira-Kinofilm entstand.

In Elvira: Mistress of the Dark taucht die Gruftie-Dame in der spießigen Kleinstadt Fallwell in Massachusetts auf. Sie erschreckt dort die betagten Bürger und bringt die Jugendlichen auf dumme Gedanken. Das hätte – wie ursprünglich geplant – unter der Regie von Tim Burton und mit Brad Pitt in der männlichen Hauptrolle etwas ganz Besonderes werden können.

Doch leider kam die Zusammenarbeit mit den künftigen Stars nicht zustande, und auch der große Kinostart scheiterte, da die Produktionsfirma Pleite ging. Doch auf Video wurde der Film ein großer Erfolg und ermöglichte 2001 die Fortsetzung Elvira’s Haunted Hills, die von Cassandra Peterson direkt für den TV- und Video-Markt produziert wurde. Es handelt sich um keine direkte Fortsetzung, sondern der Film ist im Jahre 1851 angesiedelt.

Wie eine neue Heimkino-Edition von Filmjuwelen belegt, ist die Fortsetzung überraschenderweise der deutlich bessere Film. Elvira’s Haunted Hills entstand unweit von Transsylvanien und Bukarest in den sehr gut ausgestatteten rumänischen Buftea-Studio. Hier drehte Arthur Brauner 1968, u. a. mit Orson Welles, den aufwändigen Historien-Zweiteiler Kampf um Rom.

Dies ermöglichte, trotz des überschaubaren Budgets, opulente Sets und dazu passende Kostüme. Der Regisseur Sam Irvin war ein großer Fan der Edgar-Allen-Poe-Filme von Roger Corman. Er konnte das Finale von Elvira’s Haunted Hills in einer riesigen Kulisse drehen und ihm stand dabei eine sehr viel größere Schlangengrube sowie ein sehr viel beeindruckenderes Pendel als seinerzeit Roger Corman zur Verfügung.

Eine weitere Überraschung für Horrorfreunde ist, dass es Cassandra Peterson gelungen war, Richard O’Brien für die Rolle des schurkischen Lord Vladimere Hellsubus zu verpflichten. O’Brien war der Autor, Komponist und als Riff Raff auch Hauptdarsteller der The Rocky Horror (Picture) Show.

Cassandra Peterson ist immer noch als Elvira aktiv und bietet auf ihrer Webseite Merchandise an.

Filmjuwelen veröffentlicht Editionen die beiden “Elvira“-Filmen auf DVD, Blu-ray und als Collector’s Edition im Mediabook mit Blu-ray und 4K Ultra HD-Scheiben in allerbester Bildqualität. Ein ganz großes Plus dieser Editionen sind die wie immer sehr sachkundigen, deutschsprachigen Audiokommentare von Rolf Giesen zu beiden Filmen. Doch auch das übrige Bonusmaterial ist sehenswert. Zu “Elvira – Herrscherin der Dunkelheit“ gibt es drei weitere englischsprachige nicht deutsch untertitelte Audiokommentare von Regisseur James Signorelli, von “Elvira“ Cassandra Peterson und von Patterson Lindquist, dem Betreiber der Elvira-Webseite. Hinzu kommt eine Einführung von Regisseur James Signorelli (0:34 min, wie alle Extras wahlweise deutsch untertitelt),

“Rezept für den Terror“ – Konzept und Design des Pot-Monsters (13:38 min), Interview mit Cassandra Peterson (11:46 min), Making-of (12:18 min), US-Kinotrailer (1:50 min), US-Teaser (1:07 min), Deutscher Trailer (2:06 min), Mark Pierson erklärt das Macabre Mobile (2:08 min), Eric Gardner führt eine Tour durch das Studio-Set (3:39 min), Eric Gardner spricht über die Pre-Production (2:21 min), Storyboards (4:30 min). Extras zu “Elvira’s Haunted Hills“: Deutscher und US-Trailer (1:34 min), Making-of (22:17 min), Making Of: Deutsche Synchro mitMarco Kröger, der Dr. Bradley spricht (3:18 min), Interview mit Richard O’Brien (6:07 min) und Outtakes (1:08 min) 

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Greenland 2

Seit Gerard Butler 2006 durch 300 zum Star wurde, spielte der Schotte jährlich in zwei bis drei Filmen die Hauptrolle. Sein 2020 entstandener Katastrophenfilm Greenland ist in diesem eher durchwachsenen Umfeld durchaus ein kleines Highlight.

Der Film über eine die menschliche Zivilisation beendenden Meteoriteneinschlag, lässt an Roland Emmerichs The Day After Tomorrow denken, auch wenn beim in Greenland zur Schau gestellten Weltuntergang ein wenig der ökologische Aha-Effekt fehlt. Doch es ist erfreulich, dass Regisseur Ric Roman Waugh, der bereits bei Angel has fallen mit Butler zusammenarbeitete, kein Drama über einen Einzelkämpfer, der die Welt rettet, drehte.

Vielmehr steht eine nicht völlig intakte US-Kleinfamilie im Zentrum des Films, Diese muss miterleben wie die Zivilisation zusammenbricht und schafft es gerade so eben bis nach Grönland, wo sich eine intakte Bunkeranlage befinden. Trotz oder gerade wegen Corona spielte Greenland 2020 deutlich mehr als sein Budget von 35 Millionen Dollar ein. Dennoch wäre es nicht unbedingt nötig gewesen, in einer Fortsetzung die Familie Garrity aus ihrem Bunker zu verjagen, um mit dieser eine Odyssee durch Großbritannien und Frankreich zu veranstalten.

Da das Budget von Greenland 2 die Höhe der Einspielergebnisse des ersten Films übertrifft, kann Ric Roman Waugh aus dem Vollen schöpfen und selten sah das Ende der Welt schöner aus. Doch die behäbige episodenhafte Erzählstruktur schrammt immer wieder am Rande des Kitsches vorbei und wird den Schaueffekten nur selten gerecht. Doch – dies sei gespoilert – Greenland 3 wird es nicht geben.

Bonusmaterial der Blu-ray von Leonine: Interviews mit Gerard Butler & Regisseur Ric Roman Waugh (20:49 min) sowie den Darstellern Morena Baccarin & Roman Griffin Davis (14:05 min). Hinzu kommen diverse Trailer. 

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Amazing Améziane: Martin Scorsese

Mit diesem Buch erscheint bei Splitter Amazing Amézianes dritte Comic-Biografie über einen Hollywood-Regisseur. Auch diesmal ist die Rückseite des Comics wie das Backcover einer Videocassette gestaltet. Neben Sprache (Deutsch) und Format (20 x 28 cm Doppelseiten) sind hier auch Angaben zur Lesedauer zu finden.

Während für die Lektüre von Amazing Amézianes Comic zum noch immer über seinen zehnten Kinofilm nachdenkenden Quentin Tarantino 110 Minuten benötigt werden, sind es bei dessen Biografie zum fleißigen Steven Spielberg immerhin 140 Minuten. Amézianes Comic über Martin Scorsese ist mit 190 Minuten bzw. 384 Seiten noch länger bzw. umfangreicher ausgefallen.

Nach einem während der Dreharbeiten zu Departed spielenden Prolog, holt Améziane sehr weit aus, da viele Scorsese-Filme autobiografische Einlagen enthalten. beginnt der Comic mit dessen Großeltern, um dadurch Scorseses italienischen Wurzeln und die Begeisterung für die neorealistischen Filme von Roberto Rosselini oder Luchino Visconti zu erklären.

Ein großes Thema ist die Kindheit, die der kränkliche Scorsese zu einem Großteil zusammen mit seinem schweigsamen Vater im Kino verbrachte. Dies schlug sich nieder in mit Buntstiften produzierten Comic-Drehbüchern zu Sandalenfilmen und im Sohn armer italienischer mitten in New York lebender Einwanderer reifte der sehr unrealistische Wunsch Regisseur zu werden.

Doch Martin Scorseses war sehr viel hartnäckiger als er auf den ersten Blick wirkte. Im Laufe der Jahrzehnte realisierte er alle seine Wunschprojekte, auch wenn er sich nach Racing Bull oder Die letzte Versuchung Christi geschworen hatte, keine weiteren Filme zu drehen.

Im Comic ist zu erfahren, dass Scorseses immer wieder darüber nachdenkt, einen Film über das Rat Pack zu drehen und ständig wechselnde Darsteller für die Rollen von Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. in Erwägung zieht. Höchstwahrscheinlich wird er auch dieses Wunschprojekt eines Tages drehen.

Genau wie in Amézianes Biografie zu Spielberg ist auch in diesem Buch eine Zeichnung enthalten, auf der Scorsese zusammen mit George Lucas, Francis Ford Coppola, Brian De Palma und natürlich Steven Spielberg zu sehen ist. Der Comickünstler drückt dadurch seine Verwunderung und Freude darüber aus, dass diese fünf Kinogötter befreundet waren und sich gegenseitig geholfen haben.

Als Kontrast zeigt Améziane ein ähnliches Bild mit Alfred Hitchcock, Howard Hawks, John Ford, Fritz Lang und Orson Welles, die sich zwar gelegentlich über den Weg gelaufen sind, ihre künstlerischen Visionen jedoch im Alleingang verwirklicht haben und daher keine Change hatten um sich gemeinsam gegen die Studiobosse zu behaupten.

Auch bei diesem faktenreich und opulent in Szene gesetzten Buch von Amazing Améziane ist Vorsicht geboten, denn auf der letzten Seite ist zu erfahren, dass “um der Dramatisierung willen (…) einige Aussagen und manchmal die Art, wie Personen sich verhalten, erfunden“ wurden. Améziane hat also gelegentlich als Regisseur und Drehbuchautor eingegriffen.

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Horrorschocker 80

An den ansonsten kaum noch Comics für ein etwas reiferes Publikum anbietenden Bahnhofsbuchhandlungen sind seit mehr als 20 Jahren immer wieder andere Hefte der Reihe Hammerharte Horrorschocker erhältlich. Diese Serie veröffentlicht Levin Kurio seit 2004 unermüdlich alle drei Monate in seinem Weissblech Verlag und jetzt liegt Ausgabe 80 vor und ist für weniger als fünf Euro erhältlich.

Optisch und inhaltlich hat sich die Serie weiterentwickelt. Mittlerweile lohnt sich nicht nur ein Blick in die Hefte, sondern die jeweils drei darin enthaltenen Comicgeschichten sind anregende Lektüre. Für Der Seelenstehler, die erste Story in Horrorschocker 80, ist komplett Levin Kurio verantwortlich, der auch das Titelbild zeichnete. Während in den Weissblech-Gruselcomics ansonsten häufig ein Gegenwartsbezug gesucht wird, lädt Kurio diesmal zum Gruseln in die Antike ein.

Auf dem Eröffnungspanel zeigt er zwar eine Familie aus heutigen Zeiten, doch “was für ein Unglück dafür sorgte, dass diese vier Seelen gemeinsam an den Styx gelangten, soll für uns nicht von Belang sein.“ Thema der Geschichte ist ein mysteriöser grinsender Kuttenmann, der den Verstorbenen – ganz im Gegensatz zum regulären, eine Münze als Lohn fordernden Fährmann Charon – verspricht sie für umme mit seinem Boot ins Totenreich zu bringen. Ist das wirklich ein faires Angebot?    

Die zweite Story Himmlische Ruhe stammt von Klaus Scherwinski und spielt in unserer Welt. Hauptfigur ist ein Angestellter der Stadtwerke, der eigentlich dafür sorgen soll, dass sich die Grünanlagen von Mansbach in einem guten Zustand befinden. Doch er nutzt seine Tätigkeit um Menschen die er hasst wie Studenten, Yuppies oder den Schulchor mit den Lärm seiner technischen Gerätschaften wie den “Heckler Industries Laubmeister XPRO“ oder die “Teleskopsäge der Schnitter“ zu quälen. Seine “Streiche“ lassen an Max und Moritz denken, sein böses Ende auch…

Den Abschluss bildet Heimatliebe von Michael Musal, eine klassische Horrorgeschichte im Stile eines EC-Comics aus den Fünfzigern. Es geht um Jana Karlsson, die in ihr heimatliches Dorf zurückkehrt. Sie ist entsetzt darübeer, dass der Ort heruntergekommen ist, noch schlimmer ist jedoch das Grauen, das hinter den zerfallenen Fassaden lauert…

Levin Kurio ist wieder eine gute Horror-Collection gelungen, und es darf sich auf Heft 82 gefreut werden, das im August erscheint. Doch zuvor startet Weissblech zum Comic-Salon in Erlangen eine zweite „ähnlich gelagerte“spuktakuläre“ Heftserie. Geisterstunde enthält “drei neue Geister- und Gruselstories in bewährter gespenstischer Manier, und das ist noch nicht alles: Als Bonus gibt es noch eine launige Rahmenhandlung gratis dazu!“

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Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft

Am 26. April 1986 explodierte der Atomreaktor in Tschernobyl. Als eine Art erste Bestandsaufnahme befragte die spätere Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch über einen Zeitraum von zehn Jahren mehr als 500 Augenzeugen. Deren Aussagen hat sie literarisch aufbereitet und 1997 in ihrem Buch Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft veröffentlicht.

Zum 50. Jahrestag der Reaktorkatastrophe startet Carlsen eine vierteilige Manga-Adaption von Alexijewitschs Bucht. In Band 1 der in japanischer Leserichtung veröffentlichten Reihe adaptiert Yuta Kumagai in schwarzweißen Bildern die Aussagen von fünf Tschernobyl-Überlebenden. Der erste Bericht stammt von Ljudmila Ignatenko, der frisch verheirateten Frau des Feuerwehrmanns Wassili, der ohne Vorwarnung und Schutzanzug direkt ins Katastrophengebiet geschickt wurde.

Anschließend landeten Wassili und seine Kollegen zunächst im örtlichen Krankenhaus. Ohne die schwangere Ljudmila zu informieren, wurde ihr Mann nach Moskau verlegt. Unter großen Schwierigkeiten reiste sie hinterher und muss miterleben, wie Wassili qualvoll an den Folgen seiner Verstrahlung starb. In schrecklich eindringlichen Bildern erzählt Yuta Kumagai auf 60 Seiten die tragische Geschichte von Wassili und Ljudmila, die auch noch miterleben musste, wie ihre Tochter wenige Stunden nach der Geburt verstirbt.   

Alle Abbildungen: © 2026 Carlsen Verlag GmbH

Die Erlebnisse der ebenfalls im ersten Band enthaltenen Schicksale von vier weiteren Überlebenden sind nicht minder drastisch. Sie werden jedoch etwas hektischer geschildert, da Yuta Kumagai pro Kapitel nur noch jeweils 30 Seiten zur Verfügung standen. Die von Swetlana Alexijewitsch festgehaltenen Berichte der Überlebenden sind schlüssige Argumente dafür, alle Träume von der friedlichen Nutzung und Beherrschbarkeit der Atomenergie zusammen mit den armen Menschen von Tschernobyl und Fukushima zu begraben.   

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Matthias Schultheiss: Talk Dirty

Irgendwo in der Nähe des Hamburger Hafens und der Köhlbrandbrücke erwacht ein Mann auf einem seltsamen Schiff. Vor ihm steht eine gewisse Maria, die ihn Johnny nennt. Sie erzählt, ihr Mann hätte ihn halbtot aus der Elbe gezogen und danach soll er angeblich viele Jahre geschlafen haben.

Dies ist der Auftakt eines Comics von Matthias Schultheiss (Die Haie von Lagos), der 2002 ohne Impressum und Verlagslogo veröffentlicht und meist unter dem Ladentisch angeboten wurde. In kunstvollen schwarzweißen Aquarellzeichnungen im Piccolo-Querformat erzählt Schultheiss von Johnnys Odyssee durch die Unterwelt des nächtlichen Hamburgs, die mit dem Fund einer seltsamen Kiste endet.

Dabei lässt Schultheiss ihn immer wieder Dinge erleben, die eher der Pornografie als der Erotik zuzuordnen sind. Seine Texte platzierte er neben den Zeichnungen an, damit kein Bilddetail verdeckt wird.

Der All Verlag präsentierte von Matthias Schultheiss bereits erstmals in einem Comicalbum dessen vor mehr als 40 Jahren in fünf Ausgaben des Magazins Menschenblut veröffentlichte 52-seitige Geschichte Die Botschaft. Es ist sehr erfreulich, dass sich dort jetzt auch der Serie Talk Dirty angenommen wird.

Allerdings ist es seltsam, dass der Band “Talk Dirty 1“ den zweiten und letzten Teil der Miniserie enthält. Die Geschichte startete jedoch bereits 1991. Im noch nicht beim All Verlag neu veröffentlichten tatsächlichen ersten Band von Talk Dirty geht es noch etwas heftiger (aber auch deutlich handlungsärmer) zu. Schultheiss zeigt hier sehr ausführlich, wie sich Johnny auf einem stillgelegten Kran im Hamburger Hafen zusammen mit zunächst einer und dann mit zwei Damen vergnügt.

Abgesehen von der seltsamen Veröffentlichungspolitik ist die Hardcover-Edition des All Verlags vorbildlich. Wer mag, kann beim All Verlag auch die auf 111 Exemplare limitierte Vorzugsausgabe mit Variantcover und signiertem Druck erwerben.  

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Roya Soraya: Wind in meinem Kopftuch

Nachdem der aus dem Iran stammende Vater von Roya Sorayas 2020 an einem Herzinfarkt gestorben ist, räumte die junge Frau dessen Wohnung aus. Dabei findet sie Erinnerungsstücke an eine gemeinsame Reise durch den Iran.

Ein Paar blauer Turnschuhe lässt sie daran denken, dass sie durch diese markanten Treter in den vollbesetzten Bussen erkennen konnte, dass sich ihr Vater im selben Fahrzeug befand, denn in den Bussen m Iran sitzen bzw. stehen die Männer vorne und die Frauen müssen hinten einsteigen.

Roya Soraya beschreibt in ihrem autobiografischen Comic nicht nur die Neugierde auf die Heimat ihres Vaters, sondern auch ihre „Angst vor dem Regime, vor Gefängnis und Folter“. Daher „versteckte sie ihre Identität“ während der Reise, schafft sich beispielsweise ein neues Handy an und löscht direkt nach der Lektüre jede Nachricht von ihrer geliebten Freundin.

In farbenfroh kolorierten Bildern stellt die Künstlerin die wunderschönen Landschaften und Basare des Irans dar. Sie vermittelt auch den einzigartigen Geschmack von Safraneis. Zugleich erzählt sie von ihrer nie nachlassenden Unsicherheit darüber, ob sie sich „richtig“ verhält. Muss sie ihr vielleicht zu farbenfrohes Kopftuch auch auf dem Hotelbalkon oder im Schlafwagen tragen?

Im Nachwort zum Comic beschreibt Soraya ihre Gefühle als drei Jahre nach ihrer Reise die 22-jährige Jina Mahsa Amini verhaftet und ermordet wurde, weil sie angeblich ihr Kopftuch nicht richtig getragen hatte. Angesichts dieser Untat und dem brutalen Vorgehen der “Revolutionsgarde“ gegen die Frau, Leben, Freiheit-Bewegung, wird Soraya klar, dass keine ihre damaligen Ängste übertrieben war.

Alle Abbildungen: © 2026 Carlsen Verlag GmbH

Während sie dies schreibt, „entbrennt erneut eine riesige Protestwelle in ganz Iran“, die – wie Soraya hofft – diesmal endlich das Ende des Regimes bedeuten wird.

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