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Andrea Offermann: Herr Werner wird zum Dieb

Diese wahre Geschichte beginnt fast wie ein Märchen. Die Hamburger Bürger wünschten sich im 19. Jahrhundert eine Kunsthalle und übernahmen die Hälfte der Kosten. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete dort der Tischler Wilhelm Werner als Hausmeister und bezog mit seiner Familie eine Wohnung im Keller des Museums.

Unter dem Dach befanden sich kleine Ateliers, die Künstlern zur Verfügung gestellt wurden. Herr Werner fertigte die Leinwände und Rahmen für deren Werke an, die er in der Kunsthalle aufhängte. Dabei freundete er sich mit einigen der Maler an. Diese porträtierten ihn, besuchten ihn in seiner Wohnung und brachten ihm einige ihrer Werke als Geschenke mit.

Zu diesen Künstlern gehörte auch die avantgardistische Malerin Anita Reé, die jüdischen Wurzeln hatte, und ab 1933 hat die wahre Geschichte nichts mehr von einem Märchen. Fortan bestimmten die Nazis, welche Werke in der Kunsthalle gezeigt werden dürfen. Bilder die in der Kunsthalle hingen und nicht den nationalsozialistischen Idealen entsprachen, wurden beschlagnahmt und zerstört.

Eines Nachts, kurz bevor eine “Kommission für entartete Kunst“ das Museum aufsuchte, schaffte Wilhelm Werner sieben Gemälde von Anita Reé in seine Kellerwohnung und versteckte sie im Schlafzimmer. Als der Zweite Weltkrieg und damit auch das “Tausendjährige Reich“ vorbei waren, befanden sich die Bilder von Anita Reé plötzlich im Depot der Kunsthalle.

Wilhelm Werner hat sich Zeit seines Lebens nicht zu diesem “Wunder“ geäußert. Erst 1975 nachdem ihr Mann gestorben war, bestätigte seine Ehefrau, dass er die Gemälde in ihrer Wohnung versteckt hatte.

Die zuvor hauptsächlich als Illustratorin tätige Andrea Offermann führte Gespräche mit Familienmitgliedern von Wilhelm Werner und recherchierte im Archiv der Hamburger Kunsthalle. In schlichten aber ergreifenden Bildern setzte sie die Geschichte von Wilhelm Werner so in Szene, dass ihr Comic auch (und vor allem) für Kinder ab 10 Jahren geeignet ist.

Ein umfangreicher Anhang geht noch stärker in die Tiefe und informiert u. a. über das traurige Schicksal von Anita Reé, die sich 1933 das Leben genommen hatte. Mich hat der Comic über den stillen Mut von Herrn Werner so stark beeindruckt, dass ich mir in der Hamburger Kunsthalle die Ausstellung This is the Modern Word – Durchbrüche in der Kunst angesehen habe.

Gemeinsam mit Werken von Picasso werden hier Gemälde von Anita Rée gezeigt, darunter befinden sich auch einige Bilder, die Herr Werner während des Dritten Reichs in Sicherheit gebracht hat.

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