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Günther Hotter: Stratmanns Gäste

Die 1994 erschienene Doppelnummer 16/17 von Menschenblut trug den Untertitel “nur für Erwaxene“ und das Cover ist so sexistisch, dass ich es hier nicht abbilden möchte. Doch der Inhalt des Comicmagazins, das zuvor mit Die Botschaft bereits ein interessantes Frühwerk von Matthias Schultheiss als Fortsetzung veröffentlichte, ist bemerkenswert.

Auf sechzehn Seiten enthält das Magazin die erstaunlich textlastige und sehr spannende Story Geschlossene Gesellschaft. Diese stammt von Rochus Hahn, der das Drehbuch zum Kinohit Das Wunder von Bern schrieb. Als Zeichner fungierte Michael “Mille“ Möller, der heute den etablierten Comicverlag Schwarzer Turm leitet.

Geschlossene Gesellschaft erzählt vom Reiseschriftsteller Rombach, der in einem abgelegenen Hotel in Griechenland zufällig auf den seit fünfzehn Jahren verschollenen Horst G. Woytalla trifft, der mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wurde. Dieser ist ein Pionier der Dermatologie und hat als junger Mann die Haut von etlichen Brandopfern wieder hergestellt. Mittlerweile hat er seine Fähigkeiten erheblich erweitert und alle Hotelgäste behandelt…

Den Schriftsteller Günther Hotter (Rückkehr ins Kinderseelen-KZ) hat Geschlossene Gesellschaft begeistert. Dreißig Jahre später verlegte er im Roman Stratmanns Gäste die Geschichte des Comics nach Südtirol. Dort in einem abgelegenen Berghotel trifft Rombach, der jetzt Kriegsberichterstatter ist, auf den verschollenen Nikolas Stratmann, der jetzt “einer der bedeutendsten und einflussreichen Ärzte, Chirurgen, Dermatologen, Forscher, Hygieniker und Virologen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts“ ist.

Hotter sieht seinen Roman als ein “radikal freies Crossover“, das den Comic mit “Elementen aus den Bereichen, Psychodrama, magischer Realismus, Thriller und Mystery“ verknüpft. Für ihn ist Sprache “ein Lebewesen, das atmen“ muss. Diese Ansicht schlägt sich auf den ersten Seiten nieder in Sätzen wie “Die kräftigen Strahlen der Augustsonne tauchten das Büro in ein gebärmutterbauchwarmes, ockerfarbenes Licht, das ein Mikroversum aus funkelnden Staubpartikeln gebar.“

Doch nachdem Rombach seinen trostlosen Arbeitsplatz in Frankfurt verlassen hat und sich auf den Weg nach Südtirol macht, atmet nicht nur Hotters Sprache, sondern der ganze Roman. Hochspannend schildert er, wie der Journalist von Nikolas Stratmann ebenso fasziniert wie angewidert ist. Die Story des Comics wird nicht nur aktualisiert, sondern auch erheblich erweitert. Hotter hat sich sein Werk von Rochus Kahn absegnen lassen, und ganz sicher schlummern noch in weiteren zu Unrecht vergessenen Comics großartige Romane.

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