Nach seiner epischen Familienbiografie Columbusstraße realisierte Tobi Dahmen einen weiteren ambitionierten Comic. In Zusammenarbeit mit dem internationalen Projekt „Survivor-Centred Visual Narratives“ nahm er Kontakt auf zum ebenfalls in den Niederlanden lebenden Syrer Akram Al Saud.
Dieser wurde 2010 als neunzehnjähriger Architekturstudent in Aleppo aus heiterem Himmel verhaftet. Er landete zunächst in einem Gefängnis des Luftwaffen-Geheimdienstes und wurde dann in eine weitere Haftanstalt verschleppt. Nachdem er im Verhör zugab gegen das Assad-Regime zu sein, wurde er zum ersten Mal brutal verprügelt.
Al Saud beschreibt Dahmen seine Haft, bei der er zusammen mit sechzehn weiteren Gefangenen 75 Tage in eine 1,80 x 2,30 große Zelle gesperrt wurde. Im Comic zeigt Dahmen, wie er in seiner Wohnung mit mehreren Zollstöcken die Fläche der Zelle markiert und sich vorstellt dort gemeinsam mit sechzehn Menschen eingesperrt zu sein.
Doch ansonsten taucht Tobi Dahmen innerhalb seiner Comicerzählung eher selten auf. Er lässt Akram Al Saud zu Wort kommen und visualisiert dessen Erlebnisse in eindringlichen aber niemals voyeuristischen Bildern. Obwohl Al Saud von den vier syrischen Geheimdiensten immer wieder verhaftet und gefoltert wurde, hörte er nicht auf gegen das System zu demonstrieren.
Ende 2015 verlor er seine Hoffnung auf ein besseres Syrien und “beschloss rüberzumachen“. Tobi Dahmen zeigt wie es Al Saud zusammen mit 65 Flüchtenden in einem Gummischlauchboot, das kaum größer als seine Gefängniszelle war, nach Griechenland und weiter in den Westen schaffte.
Nachdem er das Verhalten der dortigen Polizei als “sehr demütigend“ empfand, wollte Al Saud nicht in Deutschland bleiben. Zu einer Frau, die fragte, ob sie und ihre Tochter in einem anderen Schlafsaal der Unterkunft und nicht bei den ganzen Männern übernachten könnien, meinte ein Beamter: “Wenn es Dir hier nicht gefällt, kannst Du ja zurück zu Baschar al-Assad gehen.“
Eindringlicher als ein Zeitungsartikel oder ein TV-Bericht vermittelt dieser mit einem umfangreichen Anhang versehene Comic die tragische Geschichte eines jungen Syrers, bei der es sich leider um alles andere als ein Einzelschicksal handelt.
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