Schlagwort-Archiv: Richard Schickel

Walt Disney: Children’s Classics

Richard Schickel verfasste 1968, kurz nach dem Tod von Walt Disney, eine nicht eben positive Beschreibung der Welt, die der globale Märchenonkel der Menschheit hinterlassen hatte:

Schickel schrieb Disney habe „jedem Menschen, der in Amerika heranwächst, gleichsam einen Mickey-Maus-Hut aufsetzt. Unter kapitalistischen Vorzeichen betrachtet ist sie ein wahres Wunderwerk, in kultureller Hinsicht hingegen im Wesentlichen ein Grauen.“

Schickel geht in seinem Buch Disneys Welt nicht nur auf die Filme ein, sondern er zitiert auch die ehemalige Bibliothekarin der New Yorker Stadtbibliothek Frances Clarke Sayers, die Disney der “Verunglimpfung der traditionellen Kinderliteratur“ beschuldigt.

Ihrer Meinung nach, hatte Disney kaum Achtung vor den Originalautoren. Er “vulgarisierte alles nach seinem Belieben“ und “publizierte diese verstümmelten Geschichten auch noch in Buchform.“

Dass dies nicht immer so war, dokumentiert ein schön aufgemachtes Buch des Taschen Verlags. Es enthält kunstvolle Bilderbuchadationen von zehn Frühwerken aus dem Hause Disney, die in den Vierzigern und Fünfzigern als Little Golden Books veröffentlicht wurden. Diese wurden für 25 Cents im Format 17 x 8 cm angeboten. Diese Büchlein hatten anfangs einen Umfang von 42 Seiten und von denen nur 14 Seiten in Farbe gedruckt wurden.

Auch heute erscheinen weiterhin regelmäßig Little Golden Books, etwa zur Disney-Realverfilmung von Schneewittchen oder zum TV-Hit Wednesday. Diese werden jetzt komplett in Farbe produziert, haben aber nur noch einen Umfang von 24 Seiten.

Es wurden hierfür nicht einfach Standbilder aus den Zeichentrickklassikern verwendet, sondern KünstlerInnen wie Cambbell Grant, Retta Scott Worchester oder die legendäre Mary Blair, die zuvor bereits bei Disney animiert oder Hintergrundgemälde erschaffen hatten, präsentierten ihre individuell ausgearbeiteten Versionen von Kinoklassikern.

Mein persönlicher Favorit ist die Adaption des Cartoons Peter und der Wolf von 1946, die der ehemalige Disney Art Director Dick Kelsey in beeindruckenden Bildern zu Papier gebracht hatte. Doch auch die ebenfalls in diesem Buch abgedruckten Golden Books zu Schneewittchen und die sieben Zwerge, Pinocchio, Dumbo, Bambi, Es war einmal im Winter, Die Abenteuer von Mr. Toad, Cinderella, Alice im Wunderland und Peter Pan können sich sehen lassen. Am Golden Book und am Disneyfilm Peter Pan arbeiteten Al Dempster und John Hench 1953 sogar zeitgleich!

Walt Disney’s Children’s Classics wurde in englischer Sprache veröffentlicht. Der Buch überzeugt auch durch opulent illustrierte Hintergrundinformationen zu den Filmen und den KünstlerInnen.

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Richard Schickel: Disneys Welt

Erst 1997, also fast drei Jahrzehnte nach seinem Erscheinen in den USA, kam dieses Buch auch endlich in Deutschland heraus. Der renommierte Filmkritiker Richard Schickel (Steven Spielberg: Seine Filme, sein Leben) setzte sich darin mit der immer noch zunehmenden Disneysierung auseinander, was darin resultierte, dass ihm verboten wurde als Bebilderung auf Filmfotos aus Disney-Filmen zurückzugreifen.

Schickel kam schon 1968, also kurz nach dem Tode des Firmengründers, zur Erkenntnis, dass die „Disney-Maschine (…) jedem Menschen, der in Amerika heranwächst, gleichsam einen Mickey-Maus-Hut aufsetzt. Unter kapitalistischen Vorzeichen betrachtet ist sie ein wahres Wunderwerk, in kultureller Hinsicht hingegen im Wesentlichen ein Grauen.“

Doch Schickels Buch ist keine wutschnaubende Abrechnung oder gar eine schmuddelige Biographie wie Marc Eliots Walt Disney – Genie im Zwielicht. Schickel setzt sich in Form einer Biographie differenziert mit den Werken Walt Disneys auseinander. Er lobt deren Vorzüge und sorgfältige Machart, zeigt aber auch immer wieder auf, dass bei Disney technisch zwar ständig die neusten Möglichkeiten genutzt wurden, hiermit aber meist inhaltlich und formal nur auf die Erkenntnisse und Ästhetik von vorgestern zurückgegriffen wurde.

Dabei zitiert Schickel auch die ehemalige Bibliothekarin der New Yorker Stadtbibliothek Frances Clarke Sayers, die Disney der “Verunglimpfung der traditionellen Kinderliteratur“ beschuldigt. Ihrer Meinung nach hatte Disney kaum Achtung vor den Originalautoren. Er “vulgarisierte alles nach seinem Belieben“ und “publizierte diese verstümmelten Geschichten auch noch in Buchform.“

Ein immer noch höchst aktuelles Buch, das den Blick auf die sich kaum ändernden Mechanismen der populären Kultur schärft.

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Georg Seeßlen: Steven Spielberg und seine Filme

Georg Seeßlen ist möglicherweise der produktivste deutschsprachige Filmexperte. Seit den 70er Jahren veröffentlicht er beständig filmtheoretische Werke, als Beispiel sei nur seine immer wieder fortgeschriebene Reihe “Grundlagen des populären Films“ genannt.

Georg Seeßlen: Steven Spielberg und seine Filme

In seinen Büchern gelingt es ihm immer wieder die Werke einzelner Filmschaffender, aber auch ganze Genres, auf hohem Niveau zu analysieren. Doch im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen bleiben die Texte von Seeßlen immer gut lesbar und zugänglich. Wichtiger vielleicht ist noch, dass er nicht nur Fakten und Zusammenhänge vermittelt, sondern auch seine Liebe zum Kino.

Georg Seeßlen: Steven Spielberg und seine Filme
Ausgabe von 2001

In diesem Sinne funktioniert auch Seeßlens Buch über Steven Spielberg und seine Filme sehr gut. Hierbei handelt es sich um eine Fortschreibung und Erweiterung seines 2001 ebenfalls bei Schüren erschienenen Spielberg-Buchs Ein unschuldiger Blick auf die Welt? Im Gegensatz zum US-Großkritiker Richard Schickel (Disneys Welt – Zeit, Leben, Kunst & Kommerz des Walt Disney), der in seinem Buch Steven Spielberg: Seine Filme, sein Leben auch ausführlich jene nur bedingt glaubhaften Anekdoten über Spielbergs Einstieg ins TV-Geschäft nacherzählt, zeigt sich Seeßlen sehr viel mehr am Werk als an der oft von ihm selbstverfassten Biografie des Erfolgs-Regisseurs interessiert.

Bridge of Spies
Bridge of Spies

Die 2016 erschienene Neuauflage von Seeßlens Buch ist sehr aktuell und enthält auch ausführliche Betrachtungen zu Spielberg neusten Werken Bridge of Spies und BFG – Big Friendly Giant. Nicht immer chronologisch analysiert der Autor dabei die Leitmotive in Spielbergs Werke. Dabei widmet er sich – mal mehr und mal weniger ausführlich – den einzelnen Filmen. Er zeigt sich auch hier weniger daran interessiert, dem Leser mitzuteilen, ob er diese “gut“ oder “schlecht“ findet. Wichtiger ist Seeßlen die Konstruktion von übergreifenden Gemeinsamkeiten.

BFG – Big Friendly Giant
BFG – Big Friendly Giant

Obwohl Spielberg ja eigentlich für familienfreundliche Unterhaltung bekannt ist, sind die Familien in seinen Filmen nur sehr selten intakte Lebensgemeinschaften. Auffallend ist auch der Mangel an starken oder auch nur glaubhaften weiblichen Charakteren in Spielbergs Filmuniversum. Seeßlens Buch endet mit der Schlussfolgerung, dass Spielberg mit “Bildern, Handlungen und Worten“ stets gegen das “persönliche wie kollektive“ Trauma angefilmt hat.

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Richard Schickel: Steven Spielberg: Seine Filme, sein Leben

Richard Schickel hat als Filmkritiker und Autor einen eigenen Kopf, das zeigte sich wohl am stärksten bei seinem Klassiker Disneys Welt – Zeit, Leben, Kunst & Kommerz des Walt Disney von 1968. In diesem Buch setzte er sich sehr kritisch (aber auch fair) mit der immer noch zunehmenden Disneysierung auseinander, was darin resultierte, dass zur Bebilderung nicht auf Filmfotos aus Disney-Filmen zurückgegriffen werden durfte.

Richard Schickel: Steven Spielberg: Seine Filme, sein Leben

Steven Spielberg: Seine Filme, sein Leben ist mit zahlreichen gut ausgewählten Fotos und Plakatmotiven, sowie mit einem Vorwort des von Schickel porträtierten Star-Regisseurs versehen. Dennoch handelt es sich um keine Jubel-Biografie. Der Autor macht dem Leser schon durch die Kürze seiner sehr informativen Texte zu gewissen Spielberg-Filmen wie A. I. – Künstliche Intelligenz, Minority Report oder Die Abenteuer von Tim und Struppi klar, dass er diese nicht gerade für Meisterwerke hält, während er unauffälligere Werke wie Terminal oder München durchaus zu schätzen weiß und sich ausführlicher mit diesen beschäftigt.

Bridge of Spies

Recht interessant ist auch der einleitende Teil des Buchs. Hier beschreibt Schickel wie der 18-jährige Spielberg die Universal Studios als Tourist besichtigte, was seinerzeit eine Tour mit dem Bus quer durch Drehorte und Produktionsbüro war. Er versteckte sich auf der Toilette, bis sein Bus weiter gefahren war und erkundete das Studiogelände auf eigene Faust. Von einem freundlichen Mitarbeiter erhielt Spielberg schließlich sogar einen Passierschein für die nächsten Tage. Fortan trieb sich regelmäßig bei Universal herum. Dadurch erhielt er erste kleine Jobs und der Rest ist (Film-) Geschichte.

BFG – Big Friendly Giant

Beim Lesen und Betrachten des Buches wird klar, dass Spielberg möglicherweise der vielfältigste Regisseur aller Zeiten ist. Er kann Tier-Horror, nostalgische Action, Kriegsfilm und großes Drama. Eins kann er jedoch nicht: Flop. Selbst seine schwergängigeren Filme wie das Sklaven-Drama Amistad oder sein wohl schlechtestes Werk Always schrieben schwarze Zahlen. Richard Schickel schließt sein Buch mit den schönen Sätzen: “Er muss niemand außer sich selbst noch etwas beweisen. Für ihn wird es immer einen Film geben, den er noch unbedingt machen will. Zumindest hoffen wir das.“

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