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Paco Roca: Der Abgrund des Vergessens

Paco Roca hat sich bereits in seinen Comics Der Winter des Zeichners und Die Heimatlosen sehr sensibel mit den Auswüchsen der Franco-Diktatur beschäftigt. In Der Abgrund des Vergessens setzt er sich mit einem besonders traurigen Kapitel der spanischen Geschichte auseinander. Während der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur wird die Zahl der willkürlich Ermordeten auf mindestens 100.000 bis 150.000 geschätzt. Diese Verbrechen wurden bis heute nicht aufgearbeitet.

Im September 1940 wurde der den Republikanern nahestehende Bauer José Celda verhaftet und in einer nur wenige Minuten dauernden Verhandlung wegen mehrerer Morde, die er nie begangen hatte, zu Tode verurteilt. Celda verbrachte 11 Monate im Gefängnis und wurde zusammen mit elf weiteren Männern von franquistischen Sicherheitskräften erschossen und in ein Massengrab geworfen.

Ein Freund von Paco Roca, der Journalist Rodrigo Terrasa, interviewte Josefa Calda, die 80-jährige Tochter von José Celda. Dieser war es gelungen gegen den Widerstand von staatlichen Stellen und mit Hilfe von Archäologen auf dem Friedhof von Paterna, auf dem mehr als 2220 hingerichtete Menschen in Massengräbern beigesetzt wurden, die sterblichen Überreste ihres Vaters ausfindig zu machen.

Ein Lichtblick in dieser finsteren Geschichte ist der ehemalige Lehrer Leoncio Badía, der als junger Republikaner seinen Beruf nicht mehr ausüben durfte und gezwungen war, seinen Lebensunterhalt als Totengräber zu verdienen. Zynisch meinte sein Arbeitgeber: “Jetzt kannst Du Deinesgleichen begraben.“ Badía riskierte sein Leben, indem er die Opfer des Franco-Regimes würdevoll beisetzte, teilweise in Gegenwart der Hinterbleibende. Außerdem übergab er den Ehefrauen und Kindern der Toten Erinnerungsstücke wie Haarsträhnen oder Teile von Kleidungsstücken. Außerdem hinterließ er Hinweise, die es ermöglichten die Identität der Leichen später zu ermitteln.

Paco Roca und Rodrigo Terrasa führten Gespräche mit der Tochter von Badia, wodurch der Comic besser wurde “als jedes Skript, das wir uns ausdenken konnten.“ Auf 280 Seiten schildert Terrasa die damaligen und heutigen Ereignisse in scheinbar wahllos verschachtelten Episoden. Paco Roca setzt die Erzählung – wie zuvor schon bei La Casa und Rückkehr nach Eden – auf kunstvoll gestalteten querformatigen Seiten in Szene.     

Die Comicerzählung wechselt zwischen Rückblenden und akribischen Schilderungen der Ausgrabungsarbeiten auf dem Friedhof. Dadurch ergibt sich ein erstaunlich vielschichtiges Gesamtbild. Auch wenn es Szenen von drastischer Brutalität gibt, geht es Roca und Terrasa weniger darum, die Gräueltaten der Franco-Jahre in aller Schrecklichkeit darzustellen. Ein sehr viel stärkeres Interesse haben sie daran, zu zeigen wie es Menschen auch unter großem Druck gelingt, ihre Humanität nicht aufzugeben.  

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