Am 10. November 1969 startete im US-Fernsehen die Serie Sesame Street. Das Konzept war ebenso simpel wie genial. Die TV-Produzentin Joan Canz Cooney war zunächst entsetzt, als sie feststellte, dass Kinder im Fernsehen Werbespots ebenso gerne sehen, wie die dadurch unterbrochenen Cartoons.
Doch zugleich inspirierte sie diese Beobachtung dazu, Buchstaben und Zahlen durch kurze Reklame-Filmchen anzupreisen, um Vorschul-Kinder neugierig darauf zu machen. Dann kam noch der Muppets-Schöpfer Jim Henson hinzu, der Puppen entwickelte, wie den Straßenhändler Schlemihl, der Ernie “eine 8“ verkaufen wollte. Der Rest ist Fernsehgeschichte.
Obwohl die Sesame Street in den USA vom Start weg ein großer Erfolg war, dachten die Programmgestalter der ARD erstaunlich lange darüber nach, ob und wie die Serie “eingedeutscht“ werden konnte. Die Fernsehmacher fanden es seinerzeit befremdlich, dass die Hauptlocation eine alles andere als vorzeigbare Gegend in New York war und dort – quasi inmitten von Mülltonnen – unterschiedliche Menschen und Puppen einträchtig zusammenlebten. Trotzdem wagte die ARD 1973 in den regionalen dritten Programmen eine deutsche Version. Diese wurde jedoch vom Bayerischen Rundfunkt als zu gewagt empfunden und wegen angeblich drohender „kultureller Überfremdung“ im Süden Deutschlands nicht ausgestrahlt.
Ein liebevoll zusammengestellter Bildband dokumentiert die spannende Geschichte des sich beständig verändernden, sehr erfolgreichen Kinder-TV-Formats. Dabei geht es hauptsächlich um den auf eigenen Füssen stehenden deutschsprachigen Ableger, wobei absolute Insider als Autoren fungieren. Der Puppenspieler Martin Reinl ist seit fast 20 Jahren für die Sesamstraße tätig. Der “Mensch und die Stimme hinter Grobi und Elmo“ schreibt auch Drehbücher für die Serie. Zusammen mit dem Podcaster Julian Schlichting hat er einen prächtigen Bildband zusammengestellt. Hierfür durfte das Team mehrere Tage im NDR-Archivkeller herumstöbern und fand dort Schätze aus fünf Jahrzehnten TV-Geschichte.
Auch in den USA betrieben Reinl und Schlichting Grundlagenforschung: “Aus nahezu jeder Sesamstraßen-Epoche haben uns Menschen Material und Geschichten zur Verfügung gestellt. Die Witwe von Caroll Spinney, dem Puppenspieler von Bibo und Oskar überließ uns wundervolle Zeichnungen ihres Mannes. Der erste Samson-Spieler Peter Röders steuerte Dias, Requisiten und Original-Dokumente bei.“
Das Buch besticht auch durch seinen lebendigen Einblick in die TV-Produktion. Martin Reinl machte immer wieder die Erfahrung, dass es nicht einfach ist, das beliebte Ensemble mit dem Krümelmonster, Elmo und vor allem Ernie und Bert durch neue Charaktere zu ergänzen. Mittlerweile wurden etliche beliebte „deutsche“ Figuren wie Samson, Tiffy oder Finchen in New York entwickelt und die deutschen Puppenspieler dort auch ausgebildet. Für den Einsatz der Puppen in Deutschland ist zusätzlich noch eine “ärztlichen Unbedenklichkeitsbescheinigung“ erforderlich.

Angesichts dieser nicht ganz unkomplizierten Zusammenarbeit verwundert, dass es dem Team der Sesamstraße immer wieder gelungen ist, die Serie neu zu erfinden. Die verschiedenen Schaffensperioden werden in diesem Buch durch Kapitel wie “Die Lilo-Epoche“, “Die Gemüselanden-Ära“ oder “Elmos Baumhaus“ sowie anhand von “1000 tollen Sachen“ sehr lebendig in Erinnerung gebracht.
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