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Gerhard Förster + Heinz Wolf: Die ganze Wahrheit

Gerhard Förster übernahm 2008 das traditionsreiche Comicfachmagazin Die Sprechblase, das er bis zur im Mai 2025 erschienenen Nummer 250 als Chefredakteur betreute. Doch bereits zuvor war er als Comicjournalist tätig. 

Ab 1984 trat er im Sammlermagazin Comicland als Briefkastenonkel Dr. Sammler auf. Seine Lebenshilfe für (Sprech-)Blasen-Kranke setzte er 14 Jahre später im Fachblatt Hit Comics fort. Als ihm dort die Leserbriefe ausgingen, startete Förster die Comicserie Dr. Sammler bittet zur Couch, die er auch zeichnete.

Wie seine autobiografische Serie Von mir! belegt, ist Förster ein passabler Comiczeichner, dessen großes Vorbild zweifelsohne Robert Crumb ist. Doch auch Förster ist in der Lage aus allem, was ihm am Herzen liegt, einen Comic zu machen.

Doch noch besser wird es, wenn seine Gedanken vom ebenfalls in Wien lebenden Heinz Wolf (Molch) zu Papier gebracht werden. Wolf, dessen großer Durchbruch noch aussteht, ist ein begnadeter Karikaturist und Comiczeichner mit einen unverwechselbar lässigen Zeichenstil.

In seinen zusammen mit Förster entstandenen Geschichten, haust das als Comicfiguren auftretende Duo in dem die österreichische Hauptstadt überragenden Sprechblasen-Tower. Wolf nervt Förster andauernd mit Ideen zu Comic-Jubiläen, die er im Fachblatt abfeiern möchte.

Förster hingegen versucht Wolf davon zu überzeugen, dass sich inmitten von Serien wie Bessy wahre Meisterwerke, der Erzählkunst befinden und dass sie reich werden könnten, wenn es ihnen gelingen würde, den moderigen Geruch alter Hefte in Flakons zu füllen, um an die frische Luft geratene Comicsammlungen zu parfümieren.

Neben seinen Karikaturen von Politikern wie Sebastian Kurz oder dem „Volkskanzler“ Herbert Kickl überzeugt auch Wolfs intimer Einblick in die Entstehungsgeschichte des von Förster getexteten Comics Sigurd – Der Fluch von Rothenstein. Hier muss der Zeichner Martin Frei darunter leiden, dass sein Autor sich in die von ihm geschaffenen Burgfräuleins verliebt hat. Geschichten wie diese gehörten schon lange zwischen zwei Buchdeckel gepresst.

Jetzt ist es endlich geschehen und schon das Titelbild vom Die Sprechblase Sonderband Die ganze Wahrheit ist eine Pracht. Enthalten ist ein Comic, der dieses Buch ankündigt und bereits das Cover enthält. Doch Heinz Wolf hat an dem Motiv mit dem Tribunal weiter gefeilt und es noch schaurigschöner gemacht.

Außerdem sind zusätzlich noch Solocomics von Förster enthalten, sowie etliche ganz köstliche Cartoons von Wolf, an denen Förster nicht beteiligt war. Hinzu kommen Geschichten, die Förster zusammen mit Gabriel Nemeth und Gerhard Schlegel realisiert hat und die ebenfalls um den “allmächtigen“ Hansrudi Wäscher kreisen.

Zum Abschluss sei noch der Herausgeber Gerhard Förster erwähnt, der die Freunde nostalgischer Comics mit liebevoll und sachkundig zusammengestellten Editionen, wie der dreibändigen Ausgabe der Karl-May-Comics von Walter Neugebauer oder der auch aus Fix und Foxi bekannten britischen Westernserie Blut auf der Prärie, erfreut. 

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Deutsche Comicforschung 2016

Der zwölfte Band der seit 2005 alljährlich erscheinenden Reihe “Deutsche Comicforschung“ informiert wieder zuverlässig über Gebiete, die in Comicfachpresse und in Fachbüchern bisher gar nicht oder nur sehr unzureichend behandelt wurden.

Deutsche Comicforschung 2016

Die einmal mehr sehr interessant konzipierten und bebilderten Beiträge des Buchs sind wieder chronologisch angeordnet. Zunächst geht es zurück ins Mittelalter, wo – und das hat Tradition in der Buchreihe – die Comicforscher um Eckart Sackmann wieder eine Bilderzählung entdeckt haben, die mit etwas guten Willen als Comic bezeichnet werden kann. So sind in der Kölner Basilika St. Ursula 24 Bildertafeln aus dem Jahre 1456 zu sehen, die auch gereimte Texte enthalten.

Deutsche Comicforschung 2016
Comic von Friedrich Schiller

Nicht völlig neu, ist die Information, dass Friedrich Schiller humoristische Bildergeschichten zu Papier brachte, doch Dietrich Grünewald hat sich im zweiten Beitrag des Jahrbuchs sehr ausführlich mit den “Avanturen des neues Telemachs“ des deutschen Nationaldichters beschäftigt. Sackmann hingegen widmet sich in einem weiteren Beitrag der insgesamt knapp 8 Meter langen Bilderzählung “Die sieben Raben“ von Moritz von Schwindt, die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand.

Deutsche Comicforschung 2016

Die restlichen Beiträge stammen aus einer Zeit als es den Begriff Comic bereits gab. Ein Artikel beschreibt die vor dem Ersten Weltkrieg in Stuttgart erschienene Zeitschrift “Die Kinderwoche“, in der unter dem Titel “Plim und Plum“ eine Art Jugendstil-Variante zu Wilhelm Buschs “Plisch und Plum“ veröffentlicht wurde. Ebenfalls auf Wilhelm Busch beruft sich der in einem weiteren Bericht beschriebene englische Zeitungsstrip “Big und Little Willie“, der sich ab 1914 im “Daily Mirror“ über den Deutschen Kaiser und den Kronprinzen lustig machte.

Deutsche Comicforschung 2016
Micky-Maus-Comic vom deutschen Zeichner Frank Behmak

Bemerkenswert sind auch die Erkenntnisse im Kapitel “Frühe Micky Maus Zeitungsstrips in Deutschland“. Hier ist zu erfahren, dass in Deutschland bereits 1930 erste Comics mit Walt Disneys Zeichentrick-Figuren erschienen sind und das auch noch in der kommunistischen “Arbeiter Illustrierte Zeitung.“ Interessant ist auch, dass die “Kölnische Illustrierte Zeitung“ ein Jahr später sogar einen Micky-Maus-Strip aus der Feder des deutschen Zeichners Frank Behmak veröffentlichte. Doch auch im Dritten Reich waren Comics nicht, wie gerne behauptet wird, völlig verpönt, sondern Sackmann belegt im reich bebilderten Bericht “Die Braune Post – Die Nazis und die Sprechblase“, dass in einer nationalsozialistischen Sonntagszeitung etliche eigens dafür konzipierte deutsche Comics zum Abdruck kamen.

Deutsche Comicforschung 2016
Wilhelm Eigener

Dass der deutschen Comic-Kultur höchstwahrscheinlich ein großes Talent verloren gegangen ist, davon erzählt ein Artikel über neun großformatige farbig kolorierte Original-Seiten, die der Comicsammler Joachim Knüppel in einem Hamburger Antiquariat kaufte. Diese Seiten entstanden in den 50er Jahren und erzählen eine in Afrika spielende Abenteuergeschichte. Wilhelm Eigner hat diese in einem nahezu perfekten Stil gezeichnet, der sehr viel ansprechender ist, als fast alles was deutsche Verlage seinerzeit an Eigenproduktionen herausbrachten. Doch Eigner stellte das Comic-Zeichnen ein, denn er fand schnell Arbeit als Illustrator, was sicher gut für ihn, aber sehr schade für die deutsche Comic-Landschaft war. Helmut Kronthaler widmet sich im nächsten Buch-Beitrag einem ab 1959 erschienenen Fortsetzungs-Comic über das Leben des Südtiroler Freiheitskämpfers Andreas Hofer.

Deutsche Comicforschung 2016
DDR-Comic Artikel aus dem Comics Journal

Interessant ist auch Guido Weißhahns Artikel über die Comic-Aktivitäten des ostdeutschen Museumspädagogen Paul Thiel, der versuchte sich in der DDR vorurteilsfrei mit westlichen Comics zu beschäftigen. Thies beschäftigte sich seinerzeit aber auch mit DDR-Comics und ein Artikel von ihm über Mosaik erschien sogar 1979 im einflussreichen US-amerikanischen Fachblatt  The Comics Journal.

Tom Bunk

Den Abschluss des Buchs bildet der Artikel “Deutsche Underground-Comics – Versuch einer Annäherung“. Wie der Titel schon andeutet, ist dies nur (aber auch immerhin!) der erste Schritt der Annäherung an eine quirlige Zeichner-Szene, die teilweise sehr erfolgreich versuchte, deutschsprachige Varianten zu den subversiven Comics von Robert Crumb oder Gilbert Sheldon zu schaffen. Zahlreiche Zeichner aus diesem Umfeld wie Volker Reiche, Tom Bunk, Gerhard Seyfried, Brösel oder Gabriel Nemeth sind heute noch tätig. Eckart Sackmanns Bericht deutet an, dass hier Stoff für ein ganzes und nicht unbedingt dünnes Buch wäre.

Die 2016er Ausgabe des Jahrbuchs Deutsche Comicforschung hingegen deutet an, dass es auch in Zukunft noch genügend hochinteressanten Stoff für weitere Ausgaben gibt.

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