Schlagwort-Archiv: Fritz Honka

400 Jahre Reeperbahn

Das Genre Klebebildchen beschränkt sich nicht auf Fußball oder allzu naheliegende Gebiete wie die Harry-Potter– oder Disney-Filme. Es gibt auch örtlich beschränkte Sticker-Sammelaktionen, wie sie etwa ab 2008 auf dem Comic-Salon in Erlangen durchgeführt wurden.

Dort waren die Bildchen gratis erhältlich, da diese durch Sponsoring von Comicverlagen oder örtlichen Locations gesponsert wurden. Zwei Jahre später in der Hansestadt die Sticker für das Album zu Hamburg sammelt Hamburg in Fünferpack-Tütchen zu je 50 Cent käuflich zu erwerben. Doch wer etwas Sammelglück hat, bekam auch etwas zurück.

So gibt es für komplett vollgestickerte Doppelseiten im Album etliche erstaunlich großzügige Prämien, wie ein halbes Hähnchen, eine Hafenrundfahrt, einen Besuch im Hamburg Dungeon oder ein Steak-Menü mit Getränk im Block House. Eine Dame, die das Album als erstes voll geklebt hatte – sie kaufte hierfür 150 Tütchen – gewann dadurch gar eine Kreuzfahrt…

Nach weiteren Aktionen. wie München sammelt München, Deutschland sammelt Deutschland oder auch REWEs Unser Deutschland – Eine Liebeserklärung in 180 Stickern, wird 2026 unter dem Motto “Den Kiez er(k)leben“ auf 276 Panini-Stickern 400 Jahre Reeperbahn gefeiert. Wie schon bei Hamburg sammelt Hamburg überzeugt auch diesmal die vielfältige Motiv-Auswahl. Thematisch auf Doppelseiten angeordnet, ist St. Pauli, inklusive des grünen Bunkers, spektakulär von oben durch Martin Elsens Luftaufnahmen zu erleben.

Mit silberschimmernder Umrandung zeigt ein roter Sticker jenes rote Plakat vom Star Club, das ankündigt: “Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!“ Es wird erinnert an die frivole Zeitung Die St. Pauli Nachrichten, für die auch der spätere SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust schrieb und die von 1968 bis 1981 teilweise eine Auflage von 1,2 Millionen erreichte. Auf dem Sticker direkt darunter wird den vier armen Frauen gedacht, die dem im Goldenen Handschuh verkehrenden Serienmörder Fritz Honka zum Opfer fielen.

Erinnert wird auch an Legenden wie Hans Albers, Jan Vedder, Domenica oder an Erwin Ross den 2010 verstorbenen “Rubens von der Reeperbahn“, der die Kiez-Kneipe “Zur Ritze“ einen unvergesslichen Eingangsbereich bescherte. Neben “Rotlicht-Geschichten“, “Kiez & Kirche“, der Davidwache und dem FC St. Pauli, wird auch der aus einer SPIEGEL-TV-Doku von 2007 bekannte “geilste Penny-Markt Deutschlands“ auf Klebebildchen abgefeiert.

Album und Bilder sind erhältlich bei JUST STICK IT!     

Ully Arndt: Der goldene Handschuh

Als Heinz Strunk (Fleisch ist mein Gemüse, Ein Sommer in Niendorf) für einen Roman über Fritz Honka recherchierte, wurde ihm sehr schnell klar, dass es „des Schlechten zu viel gewesen“ wäre, wenn er sich bei seiner Geschichte ausschließlich den Hamburger Serienmörder konzentrieren würde. Ihm gelang ein erstaunliches, oft auch sehr skurriles Buch, über die sehr unterschiedlichen Besucher der St.-Pauli-Absturzkneipe Der goldene Handschuh, zu denen auch Fritz Honka gehörte.

Als Strunks Bestseller fürs Kino adaptiert wurde, erzählte Regisseur Fatih Akin seinen Film nahezu komplett aus Honkas Täter-Perspektive. Detailgenau, dreckig und blutig stellte er dessen menschenverachtende Untaten zur Schau.

Der die Comicserie Ottifanten produzierende Illustrator Ully Arndt nahm bereits 2017 Kontakt zu Heinz Strunk auf und zeigte ihm einige Entwürfen für eine Handschuh-Adaption als Graphic-Novel. Strunk war davon sehr angetan.

Neun Jahre später liegt nun ein hundertseitiger Comic vor, dem ein zweiter Teil folgen soll. Im Gegensatz zu Akin interessierte sich Arndt eher weniger für den Serial Killer. Genau wie in Strunks Roman geht es ihm bei seiner Adaption um die Siebziger, eine Zeit “zwischen Nachkriegstristesse und Moderne“, wie es so schön auf der Rückseite des Comicalbums heißt.

In einem sehr eigenständigen Stil setzt Arndt nicht nur Honkas Morde in Szene, sondern erzählt auch äußerst werkgetreu und nicht minder mitreißend von einer heruntergekommenen Pfeffersack-Familie, deren männliche Mitglieder sich ebenfalls im Goldenen Handschuh herumtreiben.

Anders als im Roman lud Arndt – zur Freude von Strunk – die Leserschaft seines Comics auch noch kurz in den Jazzclub Onkel Pö zu einem gemeinsamen Auftritt von Udo Lindenberg und Otto Waalkes ein. Strunk hatte auch nichts dagegen, dass Arndt seine Erzählung um eine 16-seitige Sequenz ergänzt hat, die von den Zuhälter-Praktiken des Handschuh-Besuchers Fanta-Rolf erzählt.

Strunk hat recht, wenn er in seinem Nachwort zu Arndts Comic schreibt: “Ich glaube, dass das Ergebnis bei einem glatten Durchmarsch gut geworden wäre, aber nicht diese Tiefe und Qualität erreicht hätte, für die es eben neun Jahre gebraucht hat.“

„Der Goldene Handschuh“ als Comic von Ully Arndt bei AMAZON bestellen, hier anklicken

„Der Goldene Handschuh“ als Buch bei AMAZON bestellen, hier anklicken

„Der Goldene Handschuh“ als DVD bei AMAZON bestellen, hier anklicken

„Der Goldene Handschuh“ als Blu-ray bei AMAZON bestellen, hier anklicken

Der Goldene Handschuh

Der siebte Roman des eher für seinen skurrilen Humor bekannten Heinz Strunk (Fleisch ist mein Gemüse, Ein Sommer in Niendorf)  ist ein ganz schön unangenehmes (aber uneingeschränkt lesenswertes) Buch. Detailfreudig beschrieb Strunk, wie es in der noch heute in Hamburg auf St. Pauli existierenden Absturzkneipe Der Goldene Handschuh (so auch der Titel des Buchs) zugeht. Da der Roman in den 70er Jahren spielte, zählte auch ein gewisser Fritz Honka zu den Stammgästen.

Der Goldene Handschuh

Honka lernte im Handschuh ältere Frauen kennen, die Probleme mit Alkohol und Geld hatten. Er nahm se mit in seine verwahrloste Wohnung und machte sie sich mit brutalen Methoden gefügig. Vier der Frauen ermordete er und verwahrte Teile ihrer Leichen jahrelang in seiner Wohnung. Während Strunk in seinem 250-seitigen Roman versuchte einen möglichst umfassenden Einblick in die Psyche der sehr unterschiedlichen Besucher des Goldenen Handschuhs zu bieten, konzentriert sich die Verfilmung fast ausschließlich auf Honka.

Der Goldene Handschuh

Mit dem 1973 in Hamburg geborenen Fatih Akin (Aus dem Nichts, Tschick) wurde der optimale Regisseur gefunden, der seinen Film nahezu ausschließlich aus der Täter-Perspektive erzählt. Das ist vor allem in den ersten Minuten ganz schön heftig und Akin zeigt detailgenau das menschenverachtende Vorgehen Honka. Strunks Roman bietet sehr viel mehr Einblick in die Vorgeschichte und Persönlichkeit des Mörders. Trotzdem gelingt dem Hauptdarsteller Jonas Dassler trotz seines horrorfilm-kompatiblen Make-Ups das faszinierende Porträt eines Mannes, der niemals so etwas wie “Normalität“ kennengelernt hat und mit brutaler Gewalt versucht Macht über andere Menschen zu erlangen.

Der Goldene Handschuh

Genau wie Strunk in seinem Roman bietet auch Akin als Kontrast zu dem blutigen Treiben Honkas Einblick in die seltsame Welt des Goldenen Handschuhs, in der Menschen kurz vor dem Totalabsturz noch etwas Halt finden. Großartig ist hier der Regie-Altmeister Hark Bohm (Nordsee ist Nordsee), der als Dornkaat-Max mit hochroten Kopf am Tresen philosophiert (während Heinz Strunk im Hintergrund sitzt) und zusammen mit seinen treffend besetzten Saufkumpanen für etwas Licht in der düsteren Geschichte sorgt. Doch die Sache mit dem Licht ist gerade im Handschuh nicht ganz einfach, denn in der  immer geöffneten Kneipe sind den ganzen Tag über die Vorhänge zugezogen, da dort sehr viel weniger getrunken wird, wenn die Sonne hineinscheint!

„Der Goldene Handschuh“ als DVD bei AMAZON bestellen, hier anklicken

„Der Goldene Handschuh“ als Blu-ray bei AMAZON bestellen, hier anklicken

„Der Goldene Handschuh“ als Comic bei AMAZON bestellen, hier anklicken

„Der Goldene Handschuh“ als Buch bei AMAZON bestellen, hier anklicken

„Heinz Strunk: Ein Sommer in Niendorf“ bei AMAZON bestellen, hier anklicken