Neun Jahre nachdem der erst 51-jährige René Goscinny in Folge eines Belastungstests auf dem Fahrradergometer seines Kardiologen an einem Herzinfarkt gestorben war, hatte Anne Goscinny bei dem Arzt einen Termin vereinbart. Es war ihr achtzehnter Geburtstag und die junge Frau behauptete, einen Revolver in der Manteltasche zu haben. Sie warf dem Mann vor: “Sie haben meinen Vater getötet, meine Mutter stirbt gerade daran, und sie haben meine Jugend massakriert!“
Vor einigen Jahren war es Anne Goscinny gelungen, die für ihre Comic-Biografien von bemerkenswerten Frauen wie Kiki de Montparnasse bekannte Zeichnerin Catel zu überreden, dem 1977 verstorbenen René Goscinny einen graphischen Roman zu widmen. Jetzt hat die erfolgreiche Autorin einen offenen Brief an ihren Vater geschrieben, in dem sie diesem auch von ihrer Begegnung mit jenem Kardiologen erzählt.
Dieser war seinerzeit anscheinend gut auf ihren Besuch vorbereitet und meinte: “Sie sollten wissen, dass ich Ihnen vielleicht das Leben gerettet habe. Der Infarkt hätte ihren Vater am Steuer seines Wagens ereilen können. Hätten Sie im Wagen gesessen, wären Sie zusammen mit gestorben. (…) Von ihrer Familie habe ich übrigens nie ein Honorar gesehen. Aber egal, Schwamm drüber.“ Anne Goscinny erschoss den Mann nicht, denn sie hatte gar keinen Revolver dabei.
Schlüsselmoment im wahrsten Sinne des Wortes in Anne Goscinnys Buch ist jedoch jener Augenblick, als ihre Mutter am 5. November 1977 allein zurückkehrte, und das neunjährige Mädchen hörte, wie “nur ein einziger Schlüsselbund auf das Flurschränkchen geworfen wurde.“ Als sie dann erfuhr, dass ihr Vater gestorben ist, fragte sie: “Tot, bis wann, Maman? Und können wir den Hund behalten?“
Anne Goscinny erlebte wie Asterix-Zeichner Albert Uderzo trauerte: “Niedergeschmettert. Am Boden zerstört. Kein Schluchzer, kein lauter Schmerz. Verzweiflung pur. Echte Verzweiflung. Die sich einprägt.“ Doch es dauerte einige Tage bis Anne Goscinny ihre neue Lebenslage erfasste und auch für sie der Tod ihres Vaters began.
Erst im Laufe ihres weiteren Lebens hat sie miterlebt, wie die Werke ihres Vaters weiterhin viele Menschen zum Lachen bringen, erfuhr aber auch, dass nicht wenige seiner jüdischen Verwandten Opfer des Holocaust wurden. Doch René Goscinnys Humor ist nicht nur unsterblich, sondern anscheinend auch vererbbar. So teilte sein Enkel Simon einen Freund mit, dass sein Opa tot ist, doch “das macht nichts, er ist trotzdem witzig.“
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