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David Sala: Frankenstein

Während es Guillermo del Toro trotz größter Anstrengung und einem Budget von 120 Millionen Dollar mit seiner Netflix-Produktion nicht gelungen ist, Mary Shelleys Roman Frankenstein ebenso werkgetreu wie frisch zu interpretieren, gelang dies nahezu zeitgleich dem französischen Zeichner David Sala.

Ganz sicher auch, um nicht um nicht in Konkurrenz zur den bisher als definitiv geltenden Frankenstein-Illustrationen von Bernie Wrightson zu treten, verzichtete Sala bei seiner 210-seitigen Comicadaption fast komplett auf finstere Farbtöne. Stattdessen gestaltete er sehr viele Panels und ganzseitige Illustrationen so kunterbunt, als hätte hier nicht nur Gustav Klimt, sondern auch noch die Blauen Reiter Wassily Kandinsky und Franz Marc höchstpersönlich die Pinsel geschwungen.  

Doch die frohe Farbigkeit steht der Tragik der Geschichte nicht im Wege. Ganz im Gegenteil, denn David Sala verbannte Mary Shelleys überflüssige, auf einem in der Arktis eingefrorenen Expeditionsschiff spielendem Rahmenhandlung aus seinem Comic und hat dadurch sehr viel mehr Spielraum für die Ausgestaltung der unglücklichen Lebensläufe von Frankenstein und seiner Kreatur.

Auch bei Sala wird nicht völlig klar, warum der in privilegierten Verhältnissen lebende Victor Frankenstein unbedingt künstliches Leben erschaffen will. Doch noch seltsamer ist, dass der Jüngling einfach fortrennt, nachdem er aus etlichen Leichenteilen ein lebendiges Monstrum gebastelt hat. Wohl auch deshalb ist klar, dass sich David Sala sehr viel stärker mit der Leidensgeschichte der armen Kreatur beschäftigt als mit deren Schöpfer.

Die Reaktionen der “ganz normalen“ Menschen angesichts von etwas Fremdartigen schildert der Comic noch drastischer als Mary Shelley oder Universals Frankenstein-Filme mit Boris Karloff. Sala zeigt in aller Brutalität wie ein junges Mädchen, das Frankenstein Kreatur bei sich aufgenommen hat, von einem Lynchmob hingerichtet wird.

Als sich anschließend das arme Monster, selbst das Lesen und Sprechen beigebracht hat, um sich vorsichtig einer im Walde lebenden Familie zu nähern, dringt es zumindest zum blinden Vater durch. Doch als dies die Kinder mitbekommen, bricht bei denen Panik aus. Es ist nur der Selbstbeherrschung der in die Wildnis flüchtenden Kreatur zu verdanken, dass diesmal ein Gemetzel ausbleibt.

Wenn sich danach die Wut des Ungetüms gegen seinen Schöpfer richtet, der ihm zudem auch noch das Erschaffen einer Gefährtin verweigert hatte, dann wurde dies noch nie so nachfühlbar dargestellt, wie in diesem Comic. Durch seine kreative Kraft entstaubte David Sala die 1816 entstandene Geschichte und brachte dadurch Mary Shelleys Bekenntnis gegen Fremdenhass und Vorurteile zum Strahlen.

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