1970 wurde in San Diego die Comic-Con gegründet, von einer gemeinnützigen Gesellschaft, die sich zum Ziel gesetzt hat, „das Bewusstsein und die Wertschätzung der Öffentlichkeit für Comics und verwandte populäre Kunstformen zu fördern“. Seitdem ist die Convention gewaltig gewachsen und zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor der Comic-, Film- und Spielebranche avanciert.
Der erste offizielle Ableger des US-amerikanischen Originals fand Ende September für vier Tage im südspanischen Málaga seine Heimat. Ich wurde vom Spanischen Fremdenverkehrsamt eingeladen, um für die Highlightzone darüber zu berichten. Málaga ist eines der wichtigsten Touristenziele in Andalusien, mit geräumigem Hafen für die Kreuzfahrtriesen und schöner Altstadt, welche die Massen an Kulturwütigen gerne aufnimmt. Den Malagueños wird ein ganz eigener Humor nachgesagt: ein öffentliches schwarzgestrichenes Gebäude, umgangssprachlich das schwarze Haus, wurde weiß gestrichen. Seitdem nennen es die Einwohner Michael Jackson.
Die Comic-Con hat ihren Sitz auf dem riesigen Messegelände, das mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar in der Nähe des Zentrums liegt. Am Donnerstag, dem ersten Tag, eröffnete der andalusische Ministerpräsident die Convention mit einer derart enthusiastischen Kulturkampfrede, dass ich mich zurückhalten musste, um nicht sofort die andalusische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Mehrere Plakate zeigten andalusische Drehorte bei internationalen Verfilmungen und Serienproduktionen, angefangen von Conan über Game of Thrones bis zu den aktuellen Walking Deads.

Bereits am Donnerstag war das Event für alle vier Tage ausverkauft, mit ca. 120.000 verkauften Karten. Ein spontanes Vorbeischauen war demnach nicht mehr möglich. Mich erstaunte immer wieder die gute Laune der Anstehenden, deren Gelassenheit, Geduld und Friedfertigkeit in den vielen langen Schlangen, über deren Anfang und Ende ich zuweilen nur spekulieren konnte. Ich tendiere immer mehr zu der Annahme, dass Comicfans eine außerordentlich friedliche Spezies sind und unter Artenschutz gestellt werden sollten.

Natürlich gab es die obligatorischen Spider-Mans oder Batmans unter den Besuchern, aber auch abseits bekannter Kostüme überzeugten Fantasie, Einfallsreichtum und offensichtliche Spielfreude der Cosplayer. Viele Fans waren nicht verkleidet, aber trugen ein Merkmal ihrer Helden als Accessoire.
In der größten Ausstellungshalle dominierten die Angebote für Fans von Videospielen mit vielseitigen Möglichkeiten, sich ordentlich auszutoben. Verkaufsstände mit Merchandisingartikeln reihten sich aneinander und wurden fleißig genutzt. Schulen präsentierten sich für die Grafikausbildung im Film- und Spielebereich und regelmäßig wurden öffentliche Interviews und Gespräche mit bekannten Entwicklern geführt.
Ein wichtiger und nicht zu unterschätzender Magnet der Comic-Con ist die Anwesenheit von Schauspielern der Hollywood-Blockbuster und Serien, für viele Fans der Hauptgrund manch langer Reise. In Málaga präsentierte sich der von Disney hergestellte Tron: Ares, inklusive einem Auftritt von Jared Leto, der die Hauptrolle im aktuellen Franchise-Film übernahm und vom Publikum frenetisch begrüßt wurde.
Die Liste der angereisten Stars ist lang, beispielhaft seien Aaron Paul (Breaking Bad) und Gwendoline Christie (Game of Thrones) erwähnt. Zum 30-jährigem Jubiläum von Toy Story war Andys Zimmer im übergroßen Maßstab aufgebaut, so dass es aus Sicht der Figuren wahrgenommen wurde. Ein weiteres Franchise war mit Predator: Badlands vertreten, der jetzt in den USA anläuft. Wer sich Requisiten zur Verfilmung der Infinity-Saga anschauen wollte, konnte dies in einer eigens gestalteten Ausstellung tun.

Ein echtes Schmankerl waren die gelegentlichen Auftritte einer Tanztruppe. Zuerst begann eine lautstarke Musik zu spielen, etwa der Ghostbuster-Titelsong, und aus dem Nichts formierte sich eine Front aus Ghostbustern, die in der Halle tanzend durch die Menge tobte. Ein anderes Mal saß ich im Freien unter einem Zeltdach, als die James Bond-Titelmelodie erklang. Neben mir sprang eine Frau von ihrem Essen hoch und begann energisch zwischen den Biertischen zu tanzen und mit weiteren sich plötzlich auftauchenden Tänzern eine astrein choreografierte Performance hinzulegen.

Fast ausschließlich von Merchandising-Figuren bevölkert war eine kleine Halle, mit wunderbar detailliert und filigran gestalteten kleinen und großen Abbildern der Helden und Heldinnen, Schurken und Schurkinnen.
So viel Platz und Entfaltungsmöglichkeiten es für Videospiele und Franchises gab, so traurig war die Situation im Bereich der Comicverlage. Einige wenige spanische Verlage waren zwar anwesend, die man jedoch suchen musste wie die Nadel im Heuhaufen. Und dann hatten sie gerade mal ein paar Meter Regale anzubieten, das war`s. Da ist noch einiges an Luft nach oben. Zumindest eine Artists Alley war vorhanden und von würdigen Vertretern ihrer Zunft belegt. Abgebildet sind Luciano Vecchio (Star Wars), Simon Bisley (Lobo, Slaine) und Claudio Castellini (Silver Surfer), bei denen man Artwork kaufen konnte.
Ein wesentlicher Bestandteil der Convention sind Podiumsgespräche, und hier überwog tatsächlich das Angebot für Comicenthusiasten. In drei großen Sälen konnte mensch den Magiern der Comics beim Plaudern zuhören und manchmal sogar eigene Fragen stellen. Ich habe dabei auf meine Sprachkenntnisse gebaut und Glück gehabt, das meiste zu verstehen. Kollegen berichteten mir jedoch, dass die per QR-Code abrufbaren Übersetzungen von Google Translate geleistet wurden und die KI ist momentan keineswegs so weit, die Qualität guter Simultanübersetzer zu erreichen. Ironische Äußerungen oder Andeutungen werden von den Algorithmen zuweilen glattgebügelt.
Zwei meiner liebsten Talkpanels waren jeweils mit Paco Roca (Der Abgrund des Vergessens). Das erste bestritt er allein und erzählte von historischen und persönlichen Erinnerungen und der Problematik, beide so unter einen Hut zu bekommen, dass eine allgemein verständliche Wahrheit entsteht. Beim zweiten Panel begleitete er die Zeichnerin Christina Duran und den Autor Antonio Altariba (Die Kunst zu fliegen) in einem berührend intimen Gespräch. Bei sowas würde ich gerne öfter lauschen.
Viele Gespräche oder Veranstaltungen konnte ich nicht besuchen, dazu war das Angebot zu groß. Anwesend waren einige Zeichenstars, die für die US-amerikanische Comic-Branche arbeiten, seitens Marvel etwa Sara Pichelli, Pepe Larraz, Carmen Carnero und Peach Momoko. Weitere Comic-Künstler waren u.a. Kelly Sue DeConnick, Belen Ortega und Werther Dell`Edera. Von DC konnte ich mir zumindest zwei Gesprächsrunden geben, das erste mit dem Autor Matt Fraction und dem Zeichner Jorge Jimènez. Thema war der neue Batman, dessen Nummer eins die beiden verbrochen haben und der in den Vereinigten Staaten die Millionengrenze gerissen hat.
Das andere Gespräch war ebenfalls mit den beiden, aber flankiert von Jim Lee und Jeph Loeb, die weniger als Chefs, denn als Künstler anwesend waren. Auch hier war das Thema Batman, bzw. die tausend Gesichter der alten Fledermaus.

Bei aller inszenierter Glattheit war es durchaus faszinierend, den Stars beim Gespräch über ihre Arbeit zuzuhören. Die lockere Art und Weise, wie ohne gegenseitiges Schulterklopfen Respekt und Verständnis rüberkamen, imponierte. Alle Leute auf der Bühne gaben sich Mühe, offen und verständlich zu sein und das zu machen, wofür sie da waren: zu informieren und das bitte unterhaltsam. Mit Erfolg.
Am Ende des ersten Tages zeigte sich ein Schwachpunkt, den die Organisatoren noch nicht im Griff hatten. Vor der Messe gab es einen Verkehrsstau, der fast bis in die Stadt reichte, auch Taxis kamen nicht durch. Das Problem war die nächsten Tage beseitigt, trotzdem hielt sich die Masse an Menschen nicht immer da auf, wo die Organisatoren sie gerne gehabt hätten. Vor allem am dritten Tag gab es nachmittags verhängte Stopps für Zugänge, selbst mit einem Ticket kam zeitweise niemand mehr rein. Das erfreute vor allem Ticketinhaber eher weniger. Für die kommenden zwei Jahre ist der Deal mit San Diego gesichert, das wurde bereits verkündet. Bleibt zu hoffen, dass die Anfangsprobleme behoben werden. Der Vorteil zentraler Orte ist eben auch ihr Nachteil, wenn es eng wird. Platz auf dem Messegelände an sich gibt es noch genügend.
Das angekündigte Highlight der Convention war am letzten Tag der Besuch von Arnold Schwarzenegger, alias Conan, alias der Terminator, der Star aus Total Recall und der Last Action Hero. Der Moderator war niemand geringeres als der Regisseur Álex de la Iglesia (El día de la bestia, Allein unter Nachbarn), aber den Hauptgast durfte jemand ansagen, der als berühmter Sohn Málagas dafür prädestiniert ist: Antonio Banderas, der inzwischen wieder in seiner Heimatstadt lebt und ein Theater unterhält, in dem er spielt und inszeniert. Banderas betrat die Bühne und begann den Fortschritt der andalusischen Kultur mit derart kraftvollem Elan zu preisen, dass er alle dreitausend Zuschauer innerhalb einer Minute restlos in der Tasche hatte. Ich selbst war da schon längst glühender Anhänger. Dann kam Schwarzenegger auf die Bühne, vom Publikum mit Standing Ovations begrüßt, und war im weiteren Verlauf so souverän, freundlich, spürbar empathisch, witzig und selbstironisch, wie man ihn sich gewünscht hatte. Er brachte seine Knaller „Hasta la vista, Baby“ und „I`ll be back“ und meinte, heute sage er eher „Oh my back“. Und wirklich hatte er sichtbare Rückenprobleme. Mir gefiel, dass er den Auftritt nicht nur dazu nutzte, um über seine Filmrollen zu sprechen, sondern auch Umweltverschmutzung und den steigenden Hass in den USA ansprach. Er erzählte von der Konkurrenz zwischen ihm und Sylvester Stallone, ihrem Macho-Gehabe, wer wie viele Leute in welchem Film gekillt hat und schonte sich selbst keineswegs. Abschließend erhielt er den ersten in Malaga vergebenen Preis für sein Lebenswerk.
Das war mächtig großes Hollywood. Danach erschien es mir fast profan, wieder in die normale Welt zurückzukehren. Für nächstes Jahr wünsche ich mir mehr Comic-Verlage auf der Comic-Con, sonst entsteht noch der Eindruck, das Medium wird als Feigenblatt missbraucht. Insgesamt jedoch bin ich hingerissen von diesem Erlebnis und etwas stolz, dabei gewesen zu sein. Das war bestimmt nicht mein letzter Besuch, so oder so ist Málaga bezaubernd charmant und ganz sicher eine Reise wert.
Rainer Schneider









