In seinem neuen Roman gelingt John Grisham einmal mehr ein großartiger Einstieg. Mit wenigen markanten Sätzen stellt er Simon Latch vor, der im ländlichen Virginia als dreifacher Familienvater mit seinen Einkünften als Amwalt gerade so über die Runden kommt. Die lange überfällige Scheidung und die Wetten, die er wider besseres Wissen in einer Sportsbar abschießt, treiben ihn in einer von Grisham fast atemlos erzählten emotionalen Achterbahnfahrt immer weiter in den finanziellen Abgrund.
Doch alles wird anders, nachdem die 85-jährige Witwe Eleanor Barnett Simons Büro beteiten hat und ihr Testament neu aufsetzen lassen will. Anscheinend besitzt sie eine Unmenge Coca-Cola- und Walmart-Aktien, die von ihrem Mann stammen. Unvorsichtigerweise hat sie sich von einem windigen Anwalt, der direkt gegenüber der Mini-Kanzlei von Simon sein juristisches Unwesen treibt, einen für sie sehr unvorteilhaftes Testament ausgestellen lassen.
Simon erstellt ein neues Testament auf freut sich auf seine Zukunft als fair bezahlter Nachlassverwalter eines Millionenerbes. Doch die Sache geht voll nach hinten los, und plötzlich wird Simon vor einem Schwurgericht wegen Mord angeklagt. Die Beschreibung von Gerichtsverfahren mit 12 Geschworenen sind normalerweise die Spezialität von John Grisham. Wenn er jedoch im driitten Viertel seines Romans lediglich die Plädoyers und Aussagen von Richterin, Staatsanwältin, Anwälten, Zeugen oder Zeuginnen protokolliert, ist dies alles andere als ein kurzer Prozess, sondern lediglich, die von allen Emotionen bereinigte Nacherzählung der sehr viel besseren ersten Hälfte seines Romans.
Im letzten Viertel folgt noch eine Art Befreiungsschlag, der so stark in eine völlig andere Richtung geht, dass es schwerfällt dieses durchaus gelungene, recht eigenständigen Finale als den krönenden Abschluss von Das Vermächtnis zu akzeptieren. Doch was meckere ich hier eigentlich rum, schließlich kriegt das Buch doch noch die Kurve, und ich habe es in einer Nacht durchgelesen…
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